https://www.faz.net/-gr3-101rh

Briefwechsel Max Frisch-Paul Celan : Ich finde Ihre Entgegnung auch nicht gut

  • Aktualisiert am

Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange Bild: Suhrkamp

Im Jahr 1959 wendet sich der Dichter Paul Celan an den Schriftsteller Max Frisch. Er ist verzweifelt. Der Suhrkamp Verlag hat diesen Briefwechsel jetzt veröffentlicht. Er erzählt die Geschichte einer tragischen Verstrickung. Einige Auszüge.

          Als Paul Celan im April 1959 Max Frisch in einem Brief um Hilfe bittet, wendet er sich nicht nur an den Schweizer Schriftstellerkollegen, sondern vor allem an den damaligen Lebensgefährten seiner früheren Geliebten. Die Liebesbeziehung zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann, die im Mai 1948 in Wien begonnen hatte, war gescheitert. Von den Hoffnungen, dem Gefühl des „Exemplarischen“ der Beziehung zwischen dem jüdischen Dichter aus Czernowitz und der im Nationalsozialismus aufgewachsenen jungen Frau aus Kärnten, wie von den Missverständnissen und Belastungen, unter denen diese einzigartige Beziehung zerbrach, berichten die Briefe des Dichterpaares, die in Kürze im Suhrkamp Verlag erscheinen werden („Herzzeit. Ingeborg Bachmann - Paul Celan. Der Briefwechsel“. Hrsg. und kommentiert von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann).

          Aber nie sprechen die Liebenden die tiefen Verletzungen, die Celan schließlich im April 1970 in den Selbstmord trieben, so offen und unverhüllt an wie dies im selben Band in den Korrespondenzen zwischen Celan und Max Frisch und zwischen Ingeborg Bachmann und Celans Frau Gisèle Celan-Lestrange geschieht. In diesen Briefen, die wir auf dieser Seite erstmals publizieren, wird deutlich, was Celans Lebenskraft aufzehrte. Günter Blöckers Rezension des Gedichtbandes „Sprachgitter“, die Celan als antisemitisch empfand, die Geringschätzung, die Heinrich Böll ihm, wie Celan glaubte, in Briefen und in Passagen seiner Erzählung „Billard um halbzehn“ entgegenbrachte, die jahrelang nicht verstummenden Plagiatsvorwürfe, die von Yvan Golls Witwe ausgingen und von anderen bereitwillig aufgegriffen wurden - all das wurde von Celan als Symptom dafür verstanden, dass die „Hitlerei“, von der er Frisch gegenüber spricht, nicht enden wollte.

          Ingeborg Bachmann hat die Spuren der Begegnung mit Paul Celan noch in ihren letzten literarischen Texten verarbeitet. Die Nachricht vom Tod des „Geliebten“ wird in „Malina“ mit einem Satz aufgenommen, der Celans Selbstmord in der Seine mit der Deportation und dem Tod der Juden in Beziehung setzt und auch das Schicksal seiner Gefährtin besiegelt: „Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.“ (igl)

          Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange

          ***

          78, rue de Longchamp

          Paris, den 14. April 1959.

          Lieber Max Frisch,

          ich habe gestern angerufen, unvermittelt, in der Hoffnung, Sie würden, wie schon einmal – aber damals wußte ich es nicht –, am Telephon sein: ich wollte Sie um Rat bitten, um ein Gespräch, in Zürich, in Basel, wollte Sie fragen, was zu tun sei – denn etwas muß ja getan werden! – angesichts all dieser sich mehr und mehr Raum greifenden Verlogenheit und Niedertracht und Hitlerei: ich hatte nämlich wenige Stunden vorher einen Brief bekommen, von Heinrich Böll, einen Brief, der mir ein weiteres Mal bewies, wieviel Gemeinheit noch in den Gemütern sitzt, die man, leichtgläubig genug – aber wer will, wenn er sich den Glauben an die Menschen bewahren möchte, seine „Leichtgläubigkeit“ aufgeben? –, zu denjenigen zählte, auf die es „ankommt“.

          Weitere Themen

          „The Great Hack“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Great Hack“

          „The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

          Topmeldungen

          Spahns Notfallplan : Fast schon verdächtig viel Zustimmung

          Der Gesundheitsminister will Kassenärzte und Krankenhäuser zur Zusammenarbeit zwingen – und erhält dafür Lob von allen Seiten. Doch bei der Umsetzung sperren sich die Verantwortlichen noch.
          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.