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Briefwechsel Max Frisch-Paul Celan : Ich finde Ihre Entgegnung auch nicht gut

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Aber ach, kaum hält man ihnen das vor Augen, was sie tatsächlich tun und sind, so – verwandeln sie sich augenblicklich in sich selbst zurück. Diese (keineswegs neue) Erfahrung habe ich nun auch mit Böll gemacht. Nicht daß ich darauf nicht vorbereitet gewesen wäre; aber daß es so kommen würde, so eindeutig in seiner Infamie, das hatte ich weiß Gott nicht erwartet.

Und so rief ich bei Ihnen an, um Sie und Ingeborg zu fragen, ob ich mit all diesen Fragen und Ratlosigkeiten – die Sie ja kennen, seit langem, in jederlei Gestalt! – nach Zürich kommen kann, in einer Woche etwa. Bitte, sagen Sie mir, ob Ihnen dieser Zeitpunkt gelegen ist, ich kann – wirklich – auch später kommen (und bis dahin und darüber hinaus mit meinen Fragen weiterleben), im Mai vielleicht, auf der Reise nach Österreich (wo wir den Sommer verbringen wollen) oder im Juni.

Entschuldigen Sie, bitte, die Eile und Sprunghaftigkeit dieser Zeilen und erlauben Sie mir, Sie auf das herzlichste zu grüßen Ihr Paul Celan

***

Uetikon, 16. April 1959

Verehrter und lieber Paul Celan,

eben kommt Ihr Brief. Ich habe zuvor einen Brief von Inge auf die Post gebracht. Kommen Sie bald! Ich bitte Sie um Nachsicht, wenn dieser Brief nicht sehr spontan klingt, ich habe Ihnen gestern einen spontanen geschrieben, aber die Herrin fand einen Nebensatz darin, einen Lappalien-Satz, einen Geschwätz-Satz, betreffend den VW, der Sie abholen und hieherbringen soll, nicht angemessen, und ich mag Briefe solcher Art, spontane, nicht desinfizieren. Wir haben also gezankt! – im übrigen versuchte jener Brief, den ich zerknüllt habe, Ihnen zu sagen, dass ich mich aufrichtig auf die Begegnung mit Ihnen freue, dass ich sie schon seit einiger Zeit wünsche, dass ich eine Scheu davor habe, weil ich viel von Ihnen weiss, durch Inge, und sehr wenig, Scheu nicht wegen Inge, sondern wegen Ihres Werkes, das ich bewundere, soweit es mir zugänglich ist, und Scheu, weil es mir nicht überall zugänglich ist bis jetzt. Ich denke, Uetikon wäre besser als Basel, wo man sich von Restaurant zu Restaurant trifft; hier in der Nähe, zweihundert Schritte von dieser Wohnung, ist ein nettes Hotel, wo Sie übernachten könnten, und hier haben wir Ruhe, wir können auch dahin oder dorthin ausfahren. Bleiben Sie nicht zu kurz! Man muss sich die Chance geben, dass man sich in Wiederholungen eines Gesprächs, wenn man darüber geschlafen hat, verständlicher macht. Können Sie ein paar Tage bleiben? Glauben Sie mir, dass ich mich freue.

In Erwartung und herzlich Ihr

Max Frisch

***

23. Oktober 1959

Lieber Max Frisch,

Hitlerei, Hitlerei, Hitlerei. Die Schirmmützen.

Sehen Sie, bitte, was Herr Blöcker, erster deutscher Nachwuchs-Kritiker von Herrn Rychners Gnaden, Autor, ach, von Kafka- und Bachmann-Aufsätzen, schreibt.

Alles Gute!

Ihr Paul Celan

Beilage

An die Feuilleton-Redaktion des TAGESSPIEGEL, Berlin

Da ich, wie die Dinge in Deutschland nun einmal wieder sind, nicht annehmen kann, dass einer Ihrer hoffentlich zahlreichen Leser zu der in Ihrer Ausgabe vom 11. Oktober d. J. erschienenen Besprechung meiner Gedichte (Rezensent: Günter Blöcker) das gesagt hat, was dazu gesagt werden muss, tue ich es selbst: das mag, wie ja auch meine grössere Freiheit der deutschen Sprache – meiner Muttersprache – gegenüber, an meiner Herkunft liegen.

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