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Briefwechsel Celan - Bachmann : Wer bin ich für Dich, wer nach so vielen Jahren?

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Bachmann stürzt sich, wieder einmal, in die Arbeit. Eine Dramaturgenstelle beim Bayerischen Rundfunk und die damit einhergehende Übersiedelung nach München kosten Kraft. Am 7. Mai 1958, fast zehn Jahre nach ihrer ersten Begegnung in Wien, kommt es zur erneuten Trennung. Diesmal kämpfen beide um den Erhalt ihrer Freundschaft. Schon Ende Juni sehen sie sich in Paris wieder; am 2. Juli lernt Bachmann endlich Celans Frau Gisèle kennen. Diese Wochen zeichnen den Versuch einer Freundschaft, ein neuer Briefwechsel entsteht.

Wieviel Kompromiss ist möglich?

Doch das Bemühen, mit vereinten Kräften dem Leben „entgegen“ zu gehen, bringt neue, ungeahnte Schnittstellen und Zufälligkeiten hervor, die ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen. Am 3. Juli 1958, nur einen Tag nach der ersten Begegnung mit Gisèle, lernt Bachmann in Paris Max Frisch kennen. Ein coup de foudre nimmt seinen Lauf, der Ingeborg Bachmann auch deshalb überfordern muss, weil die dramatische Beziehung mit Paul Celan zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise bewältigt ist.

Ausgelöst durch eine von Celan als antisemitisch empfundene Rezension des Gedichtbandes „Sprachgitter“ von Günter Blöcker brechen 1959 bei Celan lange zurückgehaltene Ängste und Kränkungen neu auf. Wieder will Ingeborg Bachmann helfen, doch das Ausmaß von Celans Ansprüchen überfordert bald ihre Solidarität, ihre Beziehung zu Frisch wie auch ihren eigenen Kampf um Anerkennung im deutschen Literaturbetrieb. Die Frage, wie viel „Kompromiß“ das dichterische Sprechen vertragen kann, muss Celan aus seiner historischen Aufgabe des Dichtens als „Grabschrift“ anders beantworten als sie.

Notschrei

Erneute Kränkungen, erneutes Verstummen und Verschweigen sind die Folge. Dass sich nun die Partner einmischen, macht die Sache nicht besser. Der Briefwechsel zwischen Max Frisch und Paul Celan ist ein beredtes Zeugnis eines völlig unterschiedlichen Lebens- und Dichtungsverständnisses, das neue und kapitale Missverständnisse befördern muss. „So schwer es mir auch fällt, Ingeborg“, schreibt Celan im November 1959, „ich muss Dich jetzt bitten, mir nicht zu schreiben, mich nicht anzurufen“ - um schon fünf Tage später erneut um ihre Telefonnummer zu bitten. Im Februar 1960 fühlt sie sich dann am Ende ihrer Kraft. Längst hat sich Celans „Notschrei“ zu einer existenzbedrohenden Krise ausgewachsen.

Ein letztes Mal begehrt Ingeborg Bachmann auf, will den psychischen und physischen Verlust des Freundes nicht hinnehmen. Erstmalig in der Geschichte dieses Briefwechsels zielt sie auf eine grundsätzliche Klärung dieser Beziehung: „Und ich frage mich eben, wer bin ich für Dich, wer nach sovielen Jahren?“ Sie muss sich eingestehen, „dass alle Erklärungen, jedes Eintreten, so richtig es auch gewesen sein mag“, das Unglück des geliebten Freundes nicht verringern können, weil „das grössere Unglück in Dir selbst ist“. Dass Celan sich nicht aus der verinnerlichten Opfererfahrung lösen kann, mag sie nicht länger hinnehmen: „Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein.“ Dieser Brief wird nie abgeschickt, wie so viele Entwürfe in dieser Korrespondenz.

Im April 1970 stürzt sich Paul Celan in die Seine. Nur drei Jahre später, am 17. Oktober 1973, stirbt Ingeborg Bachmann an den Folgen einer Brandverletzung in Rom.

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