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Briefwechsel Celan - Bachmann : Wer bin ich für Dich, wer nach so vielen Jahren?

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Als Celan ihr in dieser Zeit schreibt: „Lass uns nicht mehr von Dingen sprechen die unwiederbringlich sind, Inge“, und fortfährt „Und bitte komm nicht meinetwegen nach Paris!“, trifft sie das ins Herz: „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und ich habe verloren. Was mit mir weiter geschieht, hat wenig Interesse für mich. Ich kann, seit ich aus Paris zurück bin, nicht mehr leben, wie ich früher gelebt habe, ich habe das Experimentieren verlernt.“

Auf eigenen Füßen

Von nun steht sie entschiedener als je zuvor auf eigenen Füßen. Vorbei die Zeit, in der sie Celan verschämt eingesteht: „Du wirst mir vielleicht übel nehmen, dass ich auf eine erschreckende Art ,tüchtig‘ bin.“ Jetzt nimmt sie ihr Leben und Schreiben selbst in die Hand. Aus der freien Mitarbeit beim Sender wird eine feste Redakteursstelle, und es gelingt ihr, endlich auch eigene Hörspiele zu verfassen. Seit den vierziger Jahren schreibt sie Gedichte, nun nimmt sie literarische Verbindungen nach Deutschland auf, versucht endgültig, den engen Kosmos des Wiener Literatenkreises hinter sich zu lassen. So wie sie die Aufnahme ihrer eigenen Gedichte vorantreibt, so versucht sie auch mit allen Mitteln, den Freund und einstigen Geliebten mit auf diese Reise zu nehmen.

Die in den Briefen mehrfach angesprochenen und mit allerlei Finessen auf den Weg gebrachten Einladungen zur Tagung der „Gruppe 47“ 1952 in Niendorf bei Hamburg erzählen exemplarisch von den Hürden dieser Vermittlung. Celan, von Bachmann brieflich wiederholt zum Kommen aufgefordert, liest die „Todesfuge“ und das Gedicht „Ein Lied in der Wüste“. Sein melodiöses Sprechen wird im Kreis dieser vorwiegend am realistischen Erzählen orientierten Autoren, darunter nicht wenige ehemalige Wehrmachtssoldaten, „als ärgerliches Pathos eines jüdischen Lyrikers“ verbucht. Ingeborg Bachmann, obwohl sie mit Schüchternheit kämpft und ihre Verse nur „stockend und leise“ zu Gehör bringen kann, zeigt Gespür für die Erwartungshaltung dieser literarischen Tafelrunde. Für die Autorin öffnet sich mit ihrer ersten Einladung zur Tagung der „Gruppe 47“ ein Tor zur Welt, für Celan wird der Auftritt zum Desaster. Gekränkt zieht er sich nach Paris zurück. Bachmann aber lässt nicht locker. Sie appelliert an den Freund, Manuskripte an die Verlage zu schicken, Lesungen wahrzunehmen - und ist sich sehr wohl der Gefahr bewusst, dass man die beiden Lyriker gegeneinander ausspielen könnte. Niendorf soll sich nicht wiederholen.

Einander im Gedicht begegnen

Doch das einseitige Bitten der Jüngeren um die Zusendung seiner Gedichte, ihre bedingungslose Verehrung seiner Verse - „Ich lebe und atme manchmal nur durch sie“ - wandelt sich. Nun spricht sie auf Augenhöhe: „Habe ich Dich nicht einmal gefragt, ob ich Dir etwas schicken darf? Vielleicht kannst Du mir dabei helfen.“ Ihre Hoffnung, sie könne seine Gedichte „besser lesen als die anderen“, weil sie ihm „darin begegne“, sieht sich in Celans Reaktionen nicht bestätigt. Doch in ihren Gedichten wird sie ihm beweisen, dass sie zu lesen versteht und dass sie wie kein anderer im Leben des jüdischen Dichters den Finger auf die Wunde der hereinbrechenden Erinnerung zu legen vermag. Im Dezember 1953 schickt sie ihm ihren Gedichtband „Die gestundete Zeit“. Von Celan ist keine Reaktion überliefert. Obwohl Bachmanns Gedichte eine ganze Generation von Lesern begeistern, könnte die Botschaft persönlicher nicht sein. Denn nur Celan kann zu diesem Zeitpunkt das Briefgeheimnis ihrer Gedichte entziffern.

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