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Briefwechsel Celan - Bachmann : Wer bin ich für Dich, wer nach so vielen Jahren?

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Die in der deutschen Literaturgeschichte nur wenig bekannte Liebesbeziehung dieser beiden Dichter gehört zu den dramatischsten und folgenreichsten Begebenheiten der deutschen Literatur nach 1945. Das Ungeschützte und Preisgegebene, dass sich in diesen Briefen dokumentiert, hat Ingeborg Bachmanns Familie lange zögern lassen, diesen Briefwechsel zur Veröffentlichung freizugeben. In vielen Gesprächen haben Ingeborg Bachmanns Schwester Isolde Moser und ich diese Herausforderung umkreist, gemeinsam mit Heinz Bachmann und Hans Höller sind wir schließlich zu der Auffassung gelangt, dass dieser Briefwechsel veröffentlicht werden muss. Denn die Briefe Ingeborg Bachmanns und Paul Celans dokumentieren nicht nur ein existentielles Ringen um die deutsche Sprache im Angesicht der historischen Katastrophe, sondern offenbaren auch einen verzweifelten Kampf um private Verständigung und poetisches Verstehen. Diese Auseinandersetzung schließt im Lauf der Jahre auch die jeweiligen Lebenspartner mit ein, so dass wir uns entschlossen haben, auch die Briefe von Max Frisch und Gisèle Celan-Lestrange aufzunehmen.

Intensiver als in allen anderen Briefwechseln Paul Celans, völlig anders auch als in den virtuosen Maskeraden und Inszenierungen künstlerischer Authentizität, die Ingeborg Bachmanns 2004 veröffentlichten Briefwechsel mit Hans Werner Henze kennzeichnen, geht es hier um das Überleben des poetischen Sprechens. Neun Jahre nach ihrer ersten Begegnung in Wien schreibt Celan mit dem Verweis auf „In Ägypten“: „Sooft ichs lese, seh ich Dich in dieses Gedicht treten: Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil Du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst.“ Und Bachmann wird den in ihrer Lyrik aufgenommen Dialog mit Motiven und Zitaten aus Celan-Gedichten und ihren biographischen Erinnerungen noch in ihrer späten Prosa fortführen. „Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken“, sagt etwa das Traum-Ich vom Fremden mit dem schwarzen Mantel in „Malina“. „Er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.“

Sprachlosigkeit der Sprachgewaltigen

Von Anfang an ist der Kampf gegen das Verstummen, die Überwindung des Schweigens das zentrale Thema der Briefe. Atemlos und fast erstickt bewegen sich beide immer wieder in einem Niemandsland tief verstörten Sprechens: „Schwere“, „Dunkel“, „Schweigen“ und „Schuld“ sind Leitwörter in diesem Briefgespräch, in dem zwei Sprachgewaltige um jedes einzelne Wort ringen. Wer diese Briefe heute liest, ist mittendrin im Bitten und Flehen der beiden für die Nachkriegszeit so bedeutenden Lyriker. Mittendrin in ihrer Suche nach dem richtigen Wort, hört er die beiden flüstern und klagen und spürt ihr Frösteln machendes Verstummen voreinander in gleicher Weise, wie er sich ihrem seligen Einverständnis nicht entziehen kann, wenn Liebesglück und poetisches Sprechen endlich einmal zusammenfinden.

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