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„Briefe eines reisenden Franzosen“ von Johann Kaspar Riesbeck : Goodbye, Frankreich

Bild: Die Andere Bibliothek

Als sie 1783 in Zürich herauskamen, waren die „Briefe eines reisenden Franzosen“ von Johann Kaspar Riesbeck ein großer Erfolg. Als Zeitungsredakteur wusste der Verfasser genau, wie man einen Reiseführer spannend anlegt. Jetzt kann man mit Riesbeck abermals Deutschland und das Zeitalter der Aufklärung entdecken.

          Der beste Wein des Jahrhunderts ist der von 1766. In Hochheim kostet die Flasche den Reisenden einen Reichstaler. „Dies war der erste deutsche Wein, den ich ganz ohne Säure gefunden. Er war auf der Zunge bloßes Gewürz.“ Der das schreibt, soll ein Franzose sein, der seinem daheimgebliebenen Bruder berichtet, was ihm in den Ländern des Deutschen Reichs auffällt, ein „Weltbürger“ auf der Suche nach dem, was die kleinen Staaten rechts des Rheins ausmacht. Erfunden hat diesen Briefeschreiber, der findet, man müsse sich „in alle Klassen des Volks mischen, das man will kennen lernen“, der deutsche Journalist Johann Kaspar Riesbeck, damals Redakteur der gerade gegründeten „Zürcher Zeitung“.

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Erschienen sind seine „Briefe eines reisenden Franzosen“, denen die Andere Bibliothek nun in einem ihrer Foliobände den ersten großen Auftritt seit mehr als zweihundert Jahren verschafft, im Jahr 1783. Sie waren sehr erfolgreich und wurden rasch ins Englische, Französische, Holländische und Schwedische übertragen, was der 1786 an der Schwindsucht gestorbene Autor nur noch zum Teil erlebte. Dann kamen die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege, die vieles von dem veränderten, was Riesbeck beschrieben hatte. Als Reiseführer war das Buch innerhalb kurzer Zeit nicht mehr aktuell. Den Geschmack des späten achtzehnten Jahrhunderts aber bewahrt es mit so viel Gewürz wie der Wein von 1766.

          Nie mit mehr Empfindung getanzt

          Riesbecks Franzose reist durch Baden, Württemberg, Bayern und Salzburg, die habsburgischen Lande, Sachsen und Preußen. Er wirft einen Blick nach Dänemark, gelangt nach Kassel, Frankfurt, Mainz und in den Rheingau, fährt durch das Mittelrheintal nach Köln und macht einen Abstecher nach Amsterdam. Er schildert ein Feuerwerk im Prater, eine Gondelfahrt auf der Alster und eine bayerische Wirtshausschlägerei mit zwanzig Bauern, einem Pfarrer und fliegenden Bierkrügen. In Wien sind Zwergspitze gerade große Mode, und in ganz Deutschland sorgen die Autoren des Sturm und Drang, für den Franzosen „literarische Kalmücken“, mit ihren Theaterstücken dafür, dass „Träumen, entzückt sein und Rasen“ als natürlicher Zustand des Menschen angesehen werden.

          Riesbecks Briefe versuchen das Deutschland des späten achtzehnten Jahrhunderts in all seiner Fülle zu fassen, so wie es sich der 1754 zur Welt gekommene Autor zum Teil selbst erwandert hatte. Auch vom Zürcher Schreibtisch aus sieht er überall genau hin. In Rüdesheim feiert er ein Fest zum Beginn der Weinlese und schreibt: „Nie, Bruder, habe ich mit mehr Empfindung getanzt als hier.“ Er vermerkt aber auch, dass die Weinstöcke selten mehr als vier oder fünf Fuß hoch gezogen würden, was der Menge, nicht aber der Güte des Weins zuträglich sei. Dass der „ohnehin sehr teure Dünger“ für die Steillagen über dem Binger Loch von den Bauern „mit unbeschreiblichen Beschwerden“ den Berg hinaufgetragen werden müsse, entgeht ihm erst recht nicht.

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