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Charbs „Brief an die Heuchler“ : Beeilt euch, wenn ihr noch ein wenig lachen wollt!

Gegen die rassistischen Heuchler: Stéphane Charbonnier (1967 bis 2015) Bild: AFP

Charb und wie er die Welt sieht: Zwei Tage vor seiner Ermordung schloss der Chefredakteur von „Charlie Hebdo“ ein Pamphlet ab. „Brief an die Heuchler“ erscheint jetzt in deutscher Sprache.

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          Dieses Buch hat keine Bilder. Obwohl sein Autor einer der berühmtesten Zeichner der Welt ist. Das allerdings ist er erst seit dem 7. Januar 2015, dem Tag, an dem er starb. Beim Angriff zweier bewaffneter Männer auf den Sitz der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris wurde erst ein Wachmann erschossen, dann drangen die Attentäter in die Redaktion ein. Dort ermordeten sie Stéphane Charbonnier und weitere neun Menschen sowie einen Polizisten auf der Straße. Charbonnier war seit 2009 Chefredakteur und einer der produktivsten Zeichner des Blatts, Künstlername: Charb.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Zwei Tage vor dem 7. Januar 2015 hatte Charb ein Manuskript abgeschlossen, das sich nicht nur deswegen wie ein Vermächtnis liest. Am Samstag kommt die deutsche Übersetzung heraus. Es ist das erste Buch von Charb auf Deutsch; in Frankreich sind rund zwanzig Titel aus seiner Feder erschienen, darunter das von ihm gezeichnete Album „La Vie de Mahomet“, zu dem die marokkanische Journalistin Zineb El Rhazoui das Szenario geschrieben hat. Darin wird das Leben des Propheten Mohammed in allen Widersprüchen der Überlieferung auf drastisch-krude Weise dargestellt. Keine leichte humoristische Kost.

          Islamophobie als ein gutes Geschäft

          Charb schuf als Zeichner nicht nur Zerrbilder, er gab selbst das beste Feindbild für radikale Muslime ab. Aber auch für Andersgläubige, und an die adressierte er seine letzte Streitschrift. Ihr Titel lautet „Brief an die Heuchler und wie sie den Rassisten in die Hände spielen“. Das französische Original bezeichnet die Adressaten des Briefs genauer als „escrocs de l’islamophobie“ (Islamophobie-Schurken), und es ist dieses Phänomen, dessen sich Charb in seiner Philippika annimmt. Islamophobie ist für ihn eine Schimäre, die allein der Stimmungsmache dient. „Warum stellen Leute, die aufrichtig gegen den Rassismus zu kämpfen scheinen, eine Zeitung wie ,Charlie Hebdo‘ als rassistisch dar? Eine Zeitung, die für das Wahlrecht der Einwanderer eintritt, die für eine Legalisierung der Situation von Ausländern ohne Aufenthaltspapiere kämpft und für antirassistische Gesetze eintritt ... Müssten wir nicht Seite an Seite stehen? Gewiss, aber dabei gerät in Vergessenheit, dass sich diese Leute nicht wirklich für den Kampf gegen den Rassismus interessieren, sondern für die Förderung des Islams.“

          Buchcover von „Brief an die Heuchler“
          Buchcover von „Brief an die Heuchler“ : Bild: Tropen Verlag, Stuttgart

          Charb sieht eine breite Allianz solcher Förderer: radikale Muslime selbst, aber auch Katholiken, die dem Glauben höhere Würde zusprechen als den Werten der Aufklärung, weiße linke bürgerliche Intellektuelle mit ihrem „ekelhaften Paternalismus“ und die Medien, für die das Thema Islamophobie ein gutes Geschäft ist, obwohl Charb in dem, was sie als Informationen über den Islam ausgeben, die eigentlichen Karikaturen sieht. Er selbst dagegen beansprucht für sich und seine Kollegen die alte Berufsbezeichnung „Pressezeichner“; als Karikaturisten, so Charb, würden sie erst seit 2005 bezeichnet, als die dänischen Mohammed-Cartoons für Aufruhr in der Öffentlichkeit sorgten, weshalb nun jede Zeichnung des Propheten als Karikatur abqualifiziert werde.

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