https://www.faz.net/-gr3-9w0zf

Bov Bjergs Roman „Serpentinen“ : Die Modernisierung unserer Väter

  • -Aktualisiert am

Wegschauen oder ins Auge blicken: Wer den schwarzen Hund in Schach halten will, muss sich für eine dieser Strategien entscheiden. Bild: mauritius images

Bov Bjergs Roman „Serpentinen“ erzählt vom Schwarzen Gott der Depression und von der düsteren Seite der Bundesrepublik. Das Buch hat eine Wucht, die manche Leser vielleicht aus der Kurve tragen könnte.

          3 Min.

          Winston Churchill nannte sie den „schwarzen Hund“, und der im vergangenen Jahr verstorbene australische Dichter Les Murray beschrieb in „Killing the Black Dog“ seinen Kampf mit ihr. Der deutsche Schriftsteller mit dem Künstlernamen Bov Bjerg nennt die Depression den „Schwarzen Gott“, und in seinem neuen Roman sind diesem strafenden Gott alle männlichen Vorfahren des Erzählers zum Opfer gefallen: „Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft.“ Immerhin, man hört auch dieser grausamen und grausam kurzen Schilderung der Ausgangslage schon die typische Lakonie, den sarkastischen Bjerg-Sound an. Und zum Glück folgt ihr ein weiterer, zumindest etwas erhebenderer Satz: „Ich war noch am Leben.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Der da erzählt, muss, um weiter am Leben zu bleiben, etwas aufarbeiten am Ort seiner Kindheit, und das ist die Schwäbische Alb. „Serpentinen“ heißt der Roman deswegen, aber natürlich auch wegen der Serpentinen des Lebens. Das ist etwas plakativ, aber so wie fast alles bei diesem pointensicheren Autor sitzt es auch einfach. „Wer zurückfährt, muss alle Kurven noch einmal nehmen“, erfährt man schon im Klappentext. Das ist wirklich einmal ein ziemlich guter Klappentext-Satz, und der Roman löst ihn ein.

          Der Erzähler könnte manchen schon bekannt sein aus Bjergs Bestseller „Auerhaus“ sowie aus einigen Geschichten seines Erzählungsbandes „Die Modernisierung meiner Mutter“. Nun ist der ehemalige Mitbewohner der Schüler-WG im Auerhaus ein Mann von gut fünfzig Jahren und hat einen siebenjährigen Sohn. Dessen immer wiederkehrende bohrende Kinderfrage strukturiert den Roman: „Um was geht es?“

          Der deutsche Schriftsteller und Kabarettist mit dem Künstlernamen Bov Bjerg schreibt in seinem neuen Roman „Serpentinen“ über die Gegend seiner Herkunft, die schwäbische Alb.

          Es geht um das Ausbrechen aus einer Geschichte der väterlichen Gewalt, die bei der Wiederbegegnung mit dem Heimatort überall zu greifen ist: Prügel-Erinnerungen werden wach, solche an den eigenen wie auch an fremde Väter. „Andere wurden härter geschlagen, ich durfte mich nicht beschweren.“ Was in „Auerhaus“ an der Figur des Frieder und dem Grund ihrer Depression angedeutet wurde, das wird hier vertieft und großflächiger ausgemalt zu einer Gegend der verdorbenen Kindheiten und Jugenden, der Enge, der Zwänge. Einer Gegend, in der die Bushaltestellen nur „Kreuzung“ heißen. Einer Gegend, aus der man eigentlich nur flüchten kann – so wie der Erzähler und auch der Autor schon vor vielen Jahren.

          So schlicht und klar Bjergs Roman auf den ersten Blick oder das erste Hören hin scheint, so hochreflexiv ist er doch. Es geht gerade nicht darum, noch ein weiteres Buch aus der „Bibliothek der Säuferväterbücher“ mit ihren altbekannten Geschichten zu schreiben, sondern eines, das über diese Bücher hinauskommt. Das literarische Genre des Briefes an den Vater erscheint dem Erzähler verbraucht, zudem als Sache von „Bildungsmännern“ und „Hochkulturmännern“, die er, obwohl selbst zum Professor der Soziologie geworden, verabscheut. „Diese abgeschmackte Pose, den Unbekannten direkt anzusprechen. Er hört Euch nicht mehr, wisst ihr das denn nicht?“ Auch der Vater des Erzählers könnte diesen gar nicht mehr hören, denn er hat sich schon vor langer Zeit erhängt. Nun aber fragt der Enkel: „An was ist der Opa eigentlich gestorben?“

          Neben dem Schwarzen Gott kommt in Bov Bjergs Roman dafür noch eine andere Erklärung hinzu: nämlich schwarze Ideologie. Es ist die Ideologie der Nationalsozialisten, die der Erzähler in der Bundesrepublik seiner Kindheit, aber auch in jener seiner Gegenwart allerorten ausmacht, und damit wird sein Buch eine erzählerische Illustration des Begriffs „BRD noir“, der in Feuilletons wie auch in der Wissenschaft zuletzt in Mode gekommen ist. Es handelt sich dabei um eine Verdichtung der „Restaurationsthese“, die eine Kontinuität der Diktatur nach 1945 impliziert. Wie also klingt „BRD noir“ in Romanform? So: „Über dem Fernseher lag ein Stück Kabel auf einem Spitzendeckchen. Das Kabel war lang und dick wie mein Arm. An seinen Enden sah man den Querschnitt: kräftige Bündel aus Kupferdraht, darum ein Mantel aus schwarzem Gummi.“

          Beschrieben wird hier das Elektrokabel, mit dem der Vater eines Freundes des Erzählers regelmäßig seinen Sohn schlug, wenn er „etwas gemacht“ hatte. Das schwarze Folterwerkzeug auf dem Spitzendeckchen, der Nazi-Geist hinter jeder Klinkerfassade, die Bundesrepublik im Grunde ein neuer NS-Staat: Das ist die plakative Vereinfachung, die man vor allem als Mittel des Fernsehfilms oder auch von künstlerischen Arbeiten wie dem Bildband „Stillleben BRD“ kennt. Es mag ästhetisch reizvoll sein, führt aber auch zu einer gewissen Denkfaulheit und Differenzierungsunlust. Welche Form sie annehmen kann, lässt sich unter dem Twitter-Hashtag „BRD noir“ nachschauen. Zu solcher Vereinfachung neigt auch Bjergs Erzähler, man muss dem Roman allerdings zugutehalten, dass er auch diese wiederum reflektiert und fragt, ob sie gerechtfertigt ist – „Anekdoten als Empirie. Ich betrieb auch nur Schmalspursoziologie“ – oder auf einer wahnhaften Obsession beruht.

          Wie man diese Frage für sich beantwortet, beeinflusst auch die Frage nach der Gelungenheit des Romans. Sie stellt sich außerdem angesichts der motivischen Verdichtung. Der Schwarze Gott erscheint dem Erzähler schließlich so übermächtig, dass er ihm die alttestamentliche Idee des Sohnesopfers diktiert: Der verzweifelte Vater überlegt ernsthaft, dem Leben seines Kindes und danach auch seinem ein Ende zu setzen, um die Geschichte der Gewalt mit Gewalt zu beenden. Das gibt dem Buch eine Wucht, die manche Leser vielleicht aus der Kurve tragen könnte.

          Die Art und Weise, wie diese unfassbare Vorstellung zwischen humorvollen Dialogen, ironischen Beobachtungen der Provinz und märchenhaften Überlegungen über die Wasserwege von Tränen ins Schwarze Meer plötzlich als grausam realistische Möglichkeit in den Raum gestellt wird, könnte aber auch der Grund dafür sein, dieses Buch für ein sehr starkes zu halten.

          Bov Bjerg: „Serpentinen“. Roman. Claassen Verlag, Berlin 2020. 272 S., geb., 22,– Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          CSU-Chef Markus Söder

          Kanzlerfrage bei der Union : Söder überholt Merz

          Bayerns Ministerpräsident hat unter potentiellen Kanzlerkandidaten der Union inzwischen mit Abstand den größten Zuspruch. Friedrich Merz und Armin Laschet sind laut einer Umfrage weit abgeschlagen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.