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Botho Strauß: Vom Aufenthalt : Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke

Bild: Verlag

Im Sternschnuppenfangkorb des Gehirns: Botho Strauß erweist sich in seinem neuen Buch als spätmoderner Krisensehnsüchtler - und schiebt abermals die alten Themen zwischen die Mahlsteine seiner Reflexion.

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          Ein Mann, der aus der Fremde in die Heimat zurückkehren will, wird im Zug kurz vor dem Ziel von einem Putsch überrascht. Die Grenzen sind geschlossen, die Einreise ist unmöglich. So kommt es zum erzwungenen Aufenthalt in einer kleinen Grenzstadt: Der Reisende als verhinderter Heimkehrer, als Aufgehaltener, der zur Tatenlosigkeit verdammt erscheint. Aus dem Reisenden wird ein ortloser, aus der Zeit gefallener Beobachter.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Roman könnte so beginnen. Dann käme sehr wahrscheinlich rasch heraus, dass die Kleinstadt ein dunkles Geheimnis hat, dem der Fremde zufällig auf die Spur kommt. Ein solcher Romananfang verhieße Spannung. Aber das Buch, das so beginnt, stammt von einem Autor, der keine Romane schreibt, der Handlungsbögen in Prosaskizzen und Kleinstdramen komprimiert und den hohen Ton des Epos in der Prosaminiatur einfängt. An das große Erzählwerk wird kaum ein Gedanke verschwendet, denn es ist für ihn die falsche Form: „Episch wäre ich ein Experimentierer gewesen. Anknüpfen aber war mein Handwerk.“

          Mikrobenhaftes Vielerlei

          Also knüpft Botho Strauß an: an frühere Themen, Gedanken und Bücher. Wie schon in „Die Fehler des Kopisten“ von 1997 oder zuletzt in „Der Untenstehende auf Zehenspitzen“ (2004) folgt er auch in „Vom Aufenthalt“ der Form des Journals oder Notizbuchs, in dem festgehalten wird, was den Autor beschäftigt, was er festgehalten wissen will und was dennoch durch ihn hindurchgeht wie der Wind durchs Laub: „Was ist in diesem Buch gewesen? Ich habe nichts behalten von dem, was ich aufschrieb. Ein mikrobenhaftes Vielerlei hat mein Gedächtnis für diese Seiten zersetzt“, heißt es zur Überraschung des Lesers kurz vor dem Ende der Aufzeichnungen. Mehr als zweihundert Seiten zuvor hatte ihr Verfasser sich die gekörnten, nach ihrem letzten Streich durch die Mühle gedrehten Max und Moritz als Wappenfiguren gewünscht: „Rickeracke! Rickeracke! / Geht die Mühle mit Geknacke.“ Was bleibt, sind Umrisse, mit „Gedankenmehl“ auf den Boden gezeichnet, den nächsten Windstoß erwartend.

          Nicht einmal als „Ich“ will er an dieser Stelle mehr von sich reden: „Man ist ein Zerstreuter, den kein anderer überblicken oder gar aufsammeln könnte. Jemand, der mit Haut und Haar verschwand, in wen er sich einfühlte.“ Oder, wie es ein anderes Mal heißt: „All die Menschen, die ich halb sah, halb war.“ Kein Zweifel, auch das Handwerk des Anknüpfens hat seinen Preis. Aber was sind seine Früchte? Der Autor zählt sie selbst auf: „Spaziergänge, Halluzinationen, Einfälle, Abschnitte und Zufluchten eines Mannes, der nicht an Jahren alt ist (heutzutage!), aber an Gefühl.“

          Man küsst sich und geht auseinander

          Eine dieser Halluzinationen geht so: Ein Mann, der Erzähler, geht durch ein Kornfeld, da sieht er am Himmel das Bild eines Mannes, der vom Firmament herabgrinst wie von einem Urlaubsfoto. Sofort überfällt ihn der Gedanke, eine neue Technik könnte den Himmel als Projektionsfläche missbrauchen: „Dem Chaos des Beamens wäre keine Grenze gesetzt.“

          Aber es gibt auch ganz andere Projektionen. Bei einem seiner Spaziergänge wird der Erzähler zum Gegenstand einer Verwechslung: Ein Ehepaar hatte sich gestritten, und beide verließen im Zorn das Haus. Als die Frau auf dem einsamen Feldweg eine männliche Gestalt sieht, glaubt sie, es handle sich um ihren Mann und läuft zu ihm, um sich zu entschuldigen. Erst im letzten Moment erkennt sie ihren Irrtum und steht verstört vor dem Erzähler, der sie nun auffordert, ihm alles zu sagen, was ihr auf der Seele liegt. Die Frau tut, wie ihr geheißen, und auch der Erzähler entschuldigt sich für Streit und böse Worte. Man küsst sich und geht auseinander.

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