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Botho Strauss: Sie/Er : Das Passagenwerk der Gefühle

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Botho Strauß ist ein Anarchist der Gefühle, ein „pflichtgetreuer Porträtist furchtbarer Ambivalenzen“, wie er selbst einmal gesagt hat. Immer wieder hat man versucht, diesen subtilen Provokateur in den Bereich politischer Eindeutigkeiten zu zerren. Seine Erzählkunst geriet darüber zeitweise in Vergessenheit.

          Sie ist wiederzuentdecken in einem Buch, das fällig war: einer Sammlung erzählstarker Passagen, von Thomas Hürlimann ausgewählt aus acht Prosabänden, wobei Werke wie „Paare, Passanten“ oder „Rumor“ noch nicht einmal vertreten sind. „Sie/Er“ - das ist die Wechselstromspannung, die in vielfältigen Varianten durchgespielt wird. Es geht um Paare in Auflösung oder im ersten Glücksbann, um Veteranen vergangener Liebesschlachten, um Verstoßene und Getäuschte. „Wir befanden uns in einem heillosen Durcheinander von falschen Tönen, falschen Annahmen, falschen Rücksichtnahmen, von unterstellten Gefühlen und vorgeschützten Worten“, heißt es einmal. Kaum erstaunlich, bei diesem Personal: abgehalfterte Casanovas, Muttersöhne, ein bekenntnisseliger Schwager, Frauen, in denen der „Funke einer ziellosen Erwartung glimmt“ oder das Feuer einer beendeten Leidenschaft nicht erlöschen will, Worterotiker, die dann überraschend das Handgreifliche scheuen. Da ist der notorische Komplimentemacher und Herzensbrecher - und zu Hause sitzt die alkoholkranke Frau.

          Durchbrüche des Irrationalen

          Liebe zwischen Verzicht und Bezichtigung, denn „Leidenschaft braucht nun mal ihr nötiges Quantum an Verschlagenheit, Täuschung, Lüge und Schweinerei“. Liebe aber auch als nicht enden wollender Ausnahmezustand, wenn eine Frau ihrem Ex-Mann einen langen „Brief zur Hochzeit“ schreibt - eine Revolte gegen die „Unterdrückung unserer Zeit“ und die Beschwörung einer unheilbaren Trauer. Am Ende ist die Rede von einem Satz des Mannes, der „wie ein Kanaldeckel“ auf ihre „offene Wunde“ gefallen sei: „Ich hoffe, dass sich unser Verhältnis irgendwann wieder normalisieren wird.“ Mit diesem Satz wird eine etablierte Kultur des verständigen, regulierten Geschlechter-umgangs angedeutet, für die Strauß nur Hohn übrig hat.

          “Man kann auch aus seinem modernen Körper noch etliche Haltungen herausspüren, die reichen tiefer als andere, berühren symbolischen Grund“, heißt es im längsten Stück „Die Straße“, dem grandiosen Eingangskapitel aus dem Roman „Der junge Mann“, in dem ein junger Theaterregisseur im Jahr 1969 einen komödienhaften Clinch mit zwei kapriziösen Star-Schauspielerinnen zu bestehen hat. Auch in der labyrinthischen Liebesintrige „Der Pakt“ fallen programmatische Sätze: Es gebe „Grenzfälle der Begegnung unter Menschen, bei denen die modernsten Sicherungen, über die unsere Seele verfügt, plötzlich unwirksam werden, so dass für schreckliche Augenblicke eine ganz ungemilderte Erlebnisfähigkeit von uns Besitz ergreift“. Diese Durchbrüche des Irrationalen in die emotional drainierten Lebenswelten sind es, die Strauß mit Komik und Pathos immer wieder umkreist. Ambivalenzen kennzeichnen dabei auch seinen Stil, der zwischen Parlando und hohem Ton wechselt, zwischen protokollierender Sachlichkeit und hinterhältiger Ironie, wenn etwa die politischen Ambitionen der Achtundsechziger, die „überall Väter stürzen und Völker befreien wollten“, einmal ganz beiläufig als „kritische Lebensbeschwerden“ bezeichnet werden.

          „Du sollst mich kennenlernen!“

          Lauter „falsche Vorstellungen“, wie der Titel einer Geschichte lautet. Hauptfigur ist „ein elend ruhiggestellter Poet“, der es sich, im Café sitzend, gefallen lassen muss, dass eine andere Schreiberin ihn zum „Modell eines schäbigen Mannes“ macht: alternder, herumlungernder Schönling, der sich immer noch für unwiderstehlich hält. Er teilt uns mit komischem Tremolo mit, wie er lieber gesehen werden möchte: „Dieses derbe, gezeichnete Männergesicht gehört in Wahrheit zu einem Menschen, der dreimal in der Nacht aufsteht und nach seiner schlafenden Mutter sieht!“ So ist in dieser Geschichte die Rolle der „Sie“ doppelt besetzt: hier die leicht demente Mutter, Angelpunkt eines Männerlebens, das keine Laufbahn und Karriere kennt, dort die „Schreibzecke“ - „unzerstörbar wie ein aus gepresstem Müll geformter weiblicher Golem“.

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