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1994 in Sarajevo: In der Nähe der bosnischen Hauptstadt spielt eine von Dževad Karahasans Erzählungen. Bild: Gamma

Roman von Dževad Karahasan : Wie die Welt in Duvno verlorenging

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Existentielle Ratlosigkeit in Bosnien: Dževad Karahasans kluge, melancholische und komische Erzählungen in „Ein Haus für die Müden“ umspannen ein ganzes Jahrhundert.

          3 Min.

          Bosnien hat eine verwirrende Geschichte hinter sich: Im achtzehnten Jahrhundert Teil des Osmanischen Reiches, gehörte es im neunzehnten zu Österreich-Ungarn – in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo verübte 1914 ein serbischer Nationalist das kriegsauslösende Attentat auf den Erzherzog Franz Ferdinand. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das überwiegend muslimische Bosnien Teil des serbisch dominierten Königreiches Jugoslawien, nach dem Zweiten gehörte es zur sozialistischen jugoslawischen Republik, ab 1992 erkämpfte es in einem dreijährigen Krieg seine Unabhängigkeit. Niemand wird sich daher wundern, wenn seine ratlosen Bewohner nicht mehr wissen, in welcher Wirklichkeit sie eigentlich leben.

          Von dieser Verwirrung und existentiellen Ratlosigkeit erzählt Dževad Karahasan, der große europäische Schriftsteller, der 1953 im bosnischen Duvno geboren wurde, das jetzt wieder, wie schon zwischen 1925 und 1945, nach dem mittelalterlichen kroatischen König Tomislav heißt. Die fünf klugen, melancholischen und komischen Erzählungen seines Bandes „Ein Haus für die Müden“ umspannen ein ganzes Jahrhundert: Der Heeresbericht, der in der fulminanten Eingangsgeschichte „Der Bund der geheimen Briefträger“ zitiert wird, stammt aus einer Schlacht nahe Sarajevo im Jahr 1914, „Feuergeburt“ schildert die Enteignungen unter Marschall Tito in der Provinz, und „Samtblumen an ihrer statt“, die letzte und schönste Geschichte, erzählt von der massenhaften Auswanderung aus Duvno in den Jahren nach 1990.

          Dževad Karahasan: „Ein Haus für die Müden“. Fünf Geschichten.

          Ein Schmerzensort ist dieses Duvno, ein Ort an der Grenze, in dem es sich nicht mehr leben lässt: „Früher waren wir einfach Menschen, sind unserer Arbeit nachgegangen und hatten unseren Platz in der Welt, doch jetzt sind wir Gäste und Kellner“, klagt der kleine Mate, der schließlich zum Wiedergänger wird und seinem traurigen Kindheitsfreund Karlo einen Ausweg aus der Wirklichkeit und eine Geschichte eröffnet, die er den Freunden erzählen kann – Vergangenheit und Gegenwart lassen sich in Duvno nur erzählend aufbewahren und ertragen.

          Die nachdenklichen und eigensinnigen Figuren dieser Geschichten fühlen sich hilflos und überflüssig, sie sind aus der Welt gefallen, ohne jedoch ihre Sehnsüchte und Leidenschaften verloren zu haben. Es sind eindrucksvolle Gestalten, Narren und Weise zugleich, philosophierend und schwadronierend, die ihre besondere Größe daraus gewinnen, dass sich in ihnen fast beiläufig ein konkreter historischer Prozess manifestiert. Listig und mit viel Humor hat Karahasan die gesellschaftlichen Details mit den Marotten, Phantasien und geistigen Beschränkungen seiner Protagonisten kurzgeschlossen. So erzählt er vom Bäckermeister Juso, dem die Kommunisten alles nehmen. Diese verkehrte Welt, in der jeder anständige Mensch jetzt „ein Schuft und Feind“ ist, empört Juso zutiefst, störrisch wie ein Maultier lehnt er alle Angebote der neuen Mächtigen ab und wird einsamer und elender. Immer öfter kommt es ihm jetzt vor, als wäre die Welt aus sämtlichen Verankerungen gerissen. Dann steht er, mitten auf der Straße, „reglos da, und die Welt hebt ab mit allem, was sie ausmacht, mit den Bergen und Bäumen, den Wiesen und Bächen, mit dem lächerlichen Zaun um Mujos Haus und den Friedhöfen aller Religionen“.

          Auf Straßen und in Kneipen, in Ämtern, Gefängnissen und am heimischen Küchentisch belauscht Karahasan seine Figuren, um die Fäden aufzuspüren, die nicht nur Geschichte und Gegenwart, sondern sämtliche Details des Alltags miteinander verknüpfen. So entfalten Ereignisse ihre Wirkung noch Jahrzehnte später und an völlig anderer Stelle – unberechenbar und eigensinnig wie unsere Erinnerungen. In der letzten Geschichte lässt er den nach dem Bosnien-Krieg aus Kanada zurückgekehrten Tahir durch Duvno wandern, verwirrt und doch auf eine nie gekannte Art selbstgewiss. Er bleibt durstig, weil alle Brunnen, an die er sich erinnert, versiegt sind, und auch der Garten von Farija, einer Freundin seiner Mutter, ist völlig verwildert. Als Kind war er hier am glücklichsten, und der Garten hat auch seine zauberischen Kräfte bewahrt – so wagt Tahir sich in das tot wirkende Haus: Bis zur Decke sind die Zimmer mit Fernsehern und Kühlschränken vollgestopft, ein gespenstisches Chaos, hinter dem sich die Räume endlos zu dehnen scheinen.

          In Tahirs Aufschrei: „Farija würde ihn doch wohl wegen der Güte, die sie damit anderen erwiesen hatte, nicht in dieser Kälte und in diesem dunkelgrauen Licht stehenlassen?! Doch wohl nicht?“ bricht der jahrelang aufgestaute Schmerz aus ihm heraus – ausgelöst durch die Erkenntnis, in ein verwüstetes Land geraten zu sein.

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