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Bodo Kirchhoffs neuer Roman : „Damals hat das niemanden interessiert“

Der Schriftsteller und Buchpreisträger Bodo Kirchhoff Bild: Patrick Junker

In seinem eindrucksvollen autobiographischen Roman „Dämmer und Aufruhr“ zeigt Bodo Kirchhoff, warum gerade die Literatur in der #MeToo-Debatte, an der ihn vieles stört, so ungeheuer wichtig ist. An diesem Freitag wird der Schriftsteller siebzig Jahre alt.

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          Sechs Wochen ist es jetzt her, dass der Schriftsteller Christian Kracht in seiner beeindruckenden Frankfurter Poetikvorlesung erzählt hat, wie er Ende des letzten Jahres zufällig aus einem kanadischen Reportagemagazin erfuhr, dass Keith Gleed, Pastor an einem Internat, das Kracht als Elfjähriger besucht hatte, des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurde. Und wie in diesem Moment die Szene seines eigenen Missbrauchs wieder auftauchte, die er immer für „false memory“ gehalten hatte. Eine Szene, in der er im Wohnzimmer des Pastors erst von diesem mit dem Gürtel geschlagen wurde, und sich der Pastor dann, wie er heute annehmen muss, hinter ihm stehend stöhnend selbst befriedigte. Kracht blickte auf seine eigenen Bücher, aus denen Gleed ihm nun überall entgegenkam. Seine Texte wussten schon lange, was ihm selbst erst jetzt bewusst wurde.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Christian Kracht sei, hörte man nach seinem Auftritt, nicht der erste Schriftsteller, der in einer Poetikvorlesung offenbart habe, dass er als Kind missbraucht wurde. Bodo Kirchhoff habe dies, ebenfalls in Frankfurt, noch im alten Hörsaal, im Wintersemester 1994/95 auch getan. „Das hat zu der Zeit aber niemanden interessiert“, es sei „zu früh“ gewesen, hat Kirchhoff dazu diese Woche in einem Interview im „Spiegel“ gesagt. Die Vorlesungen kann man heute noch nachlesen. „Legenden um den eigenen Körper“ heißt der Band, der 2012 in einer erweiterten Neuauflage in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist. Im Vorwort erzählt Kirchhoff, wie er, indem er seine Sicht auf das Internat darlegte, in das er mit elf Jahren kam und das er im Alter von zwanzig Jahren verließ, „etliche nicht Betroffene, ob ehemalige Lehrer, Erzieher oder Schüler, verstört, ja erbost“, habe: „als hätte ich mir etwas zusammengereimt oder sei womöglich, typisch Schriftsteller, überempfindlich“.

          Im März 2010 – es ist die Zeit der Enthüllung des sexuellen Kindesmissbrauchs an der Odenwaldschule – nahm Kirchhoff in einem „Spiegel“-Essay unter dem Titel „Sprachloses Kind – Was damals im Internat wirklich geschah“ die Geschichte, die zu seinem Leben gehört, wieder auf und fand mehr Aufmerksamkeit: „Ich bin missbraucht worden – ein Wort, das nicht viel taugt, das nicht weiterhilft, das nur die ganze Misere der Sprachlosigkeit zeigt“, lautete der erste Satz, auf den die Schilderung der Missbrauchszene folgte: „Ich war zwölf, ein hübsches Internatskind, und der Heimleiter und Schulkantor, ein Mann wie Winnetou (der meiner Phantasie, bevor es die Filme gab), Anfang dreißig, langes Haar (1960!), Roth-Händle-Raucher, Cabriofahrer, führte mich, weil ich über Kopfweh geklagt hatte, am späten Abend auf sein Zimmer.“ Kirchhoff erzählte, wie dieser Kantor ihm seinen gepunkteten Schlafanzug auszog, ihn küsste, seinen kindlichen Penis in die Hand nahm, ihn gegen seinen Willen befriedigte und ihm den Satz „Dem Schwein ist alles Schwein, dem Reinen ist alles rein“ zuflüsterte. Und wie der Kantor von da an immer neue Vorwände fand, ihn auf sein Zimmer zu holen.

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