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: Blut ist schicker als Wasser

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Was ist eigentlich aus der jungen deutschen Literatur geworden? Gibt es jenen Kollektivsingular aus den späten neunziger Jahren noch, die junge deutsche Literatur? Seinerzeit musste eine solche Kategorie nicht gerechtfertigt werden. Hier die Popliteraten, die - wiewohl teilweise schon älteren Semesters ...

          Was ist eigentlich aus der jungen deutschen Literatur geworden? Gibt es jenen Kollektivsingular aus den späten neunziger Jahren noch, die junge deutsche Literatur? Seinerzeit musste eine solche Kategorie nicht gerechtfertigt werden. Hier die Popliteraten, die - wiewohl teilweise schon älteren Semesters (Goetz, Meinecke, Neumeister, das Suhrkampsche Medium-Terzett) - das poetische Ideal einer scharfen, zeitnahen, filterlosen Gegenwartsmitschrift teilten. Dort die in der Tat erstaunliche Häufung herausragender neuer weiblicher Stimmen, für die man den zwar paternalistisch-herablassenden, aber doch nicht ganz blöden Begriff "Fräuleinwunder" prägte.

          Vornehmlich durch diese beiden Strömungen hatte die Kategorie Jugend in der Literatur plötzlich eine unmittelbare Evidenz, in einem von älteren und alten Männern dominierten Betrieb auch einige Anziehungskraft. Alles Neue und Interessante, so konnte man damals meinen, sei automatisch etwas Junges. Die Älteren schienen allenfalls fleißig ihren immer gleichen Stiefel weiter bis zum Büchnerpreis herunterzuschreiben; wer etwas über die Gegenwart erfahren wollte, musste sie nicht lesen. Die Jungen aber wurden stets - auch in kritischer Abwehr - aufgenommen als Manifestationen eines Lebensgefühls, als "Stimmen ihrer Generation", ein bisschen aber auch als Orakel in einer zukunftsängstlichen Gesellschaft: die junge Literatur als soziales Frühwarnsystem.

          Das ist jetzt bald zehn Jahre her - 1998 erschien Judith Hermanns Erzählungsband "Sommerhaus, später", neben Christian Krachts "Faserland" (1995) das exemplarische Buch für die Jugendbewegung der Literatur. Der Erfolg gerade dieser beiden Bücher erklärte sich auch aus dem enormen Identifikationspotential, das ihre traurigen, einsamen, illusionslosen, bindungsängstlichen Figuren hatten: Liebe war gestern, Familie mindestens vorgestern gewesen. Jungsein in der Literatur war gleichbedeutend mit Ungebundenheit, aber bald auch mit der Unfähigkeit, von etwas anderem zu erzählen als den eigenen Ablösungsprozessen, der auf Dauer gestellten Adoleszenzphase.

          Zum Synonym dafür wurden die Schreibschulen, vor allem das Deutsche Literaturinstitut Leipzig; eine vermeintlich uniforme, dabei zugleich stoffarme und blutleere "Schreibschulliteratur" wurde zum Prügelknaben, der die vormalige Jugendversessenheit des Betriebs büßen musste: Über eine Figur in Franziska Gerstensbergs neuen Erzählungen heißt es einmal: "Uwe hatte den Kontakt zu seinem Vater abgebrochen, als der ihn einen impulsiven und richtungslosen jungen Mann genannt hat. Vielleicht ist es der junge Mann, der Uwe am meisten verletzt hat, die Distanz, die in den zwei Worten liegt."

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