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: Blut ist schicker als Wasser

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Doch so leicht ist dem Wir nicht zu entkommen. Thomas von Steinaecker demonstriert das in seinem virtuosen Debüt "Wallner beginnt zu fliegen", den Generationenroman nach allen Regeln der Kunst vom Kopf auf die Füße stellt. Die Geschichte der Wallners beginnt in der Gegenwart mit dem Unfalltod des alten Herrn bei einer Zugkatastrophe. Von diesem Prolog aus wird die Familiengeschichte über drei Generationen chronologisch vorangetrieben - nicht zurück, sondern in die Zukunft, bis etwa ins Jahr 2070. Jede Generation - der Unternehmer Stefan Wallner, der Popstar und Musikproduzent Costin und schließlich die Literaturwissenschaftlerin Wendy - wird für einen Romanteil zum Erzähler. So beginnt das Buch wie ein an Ernst-Wilhelm Händler erinnernder Wirtschaftsroman, wird dann zu einem Remix des desillusionierenden Künstlerromans, um am Ende eine lesbische Identitätssuche zu schildern.

Jeder Teil könnte als Parodie eines anderen Genres funktionieren. Fast genial ist, wie alle drei zusammen dem Familienroman eine neue und sehr ernsthafte Variante abgewinnen, in der die fast unaufhebbare Distanz zwischen den Generationen ebenso sichtbar wird wie die Unentrinnbarkeit familiärer Prägungen. Während Stefan Wallner der Wahnvorstellung verfällt, gegen ihn sei eine Firmenintrige im Gang, und am Ende in ein Doppelleben in Paris flüchtet, lebt Costin über das Sprungbrett einer Casting-Show seine Star-Träume aus. Doch je mehr er in den Scheinwelten des Showbiz verschwindet, desto ähnlicher wird er seinem verstorbenen Vater. Dem "Psychostress der Vergangenheit" weicht Costin dabei bewusst aus; die Flucht vor der Familie geht stets Hand in Hand mit partiellem Realitätsverlust.

Erst gegen Ende seines Lebens taucht aus dem Nichts eine Tochter auf, die er einst nach einer Show gezeugt hat. Sie gibt seinem Leben neuen Sinn. Und diese Wendy, die quasi zufällig zur Familie stößt, beginnt nach Costins Tod mit einer minutiösen Rekonstruktion der Familiengeschichte, angefangen mit dem ICE-Unglück ihres Urgroßvaters: Der ganze Roman entpuppt sich am Ende als eine rückblickend aus der Perspektive der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts geschriebene Wurzelsuche.

Steinaecker hat keinen Science-Fiction-Roman geschrieben; wo die Zukunft der Familie konkret ausgemalt wird, ist sie der Gegenwart verdammt ähnlich. Worauf also ist zu hoffen? Die Tochter in Harriet Köhlers "Ostersonntag", die in ihren autobiographischen Zeitungskolumnen die ihr zu peinlichen wahren Eltern verleugnet, glaubt am Ende doch, ihre große Liebe getroffen zu haben. Und Franziska Gerstenberg stenographiert in "Fütterst du zwei?" erst in aller Ausführlichkeit das quälende Ritual einer Feier mit der buckligen Verwandtschaft, mit Kindervideos und schlechtem Buffet mit, um dann, nach gelungener Flucht, mit ihrem daheimgebliebenen Freund ein Kind zu zeugen. Auch die junge Literatur entkommt der Familie nur - in einer anderen Familie.

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