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: Blut ist schicker als Wasser

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Schon von den ersten Sätzen der ersten Geschichte an ist ein zentrales Thema angeschlagen - die Frage, wo und warum man sich verbunden, verpflichtet, angehörig fühlt: "Sie benutzten Rafaels Butterdose, weißes Porzellan, ein Erbstück. Kora dachte: Wieso eigentlich, seine Eltern sind doch gar nicht tot." Und als in "Die Frage ist" der immer freundliche und nachgiebige Mitbewohner im Koma liegt, weil er seinem einzigen Freund gegen Schläger zu Hilfe kam, treten äußeres und inneres Verhältnis auf absurde Weise auseinander: "Sie lassen mich nicht zu ihm, ich bin keine nahe Verwandte, wir sind überhaupt nicht verwandt."

Der Familienroman, durch Jonathan Franzens "Korrekturen" und im deutschsprachigen Bereich zuletzt sehr erfolgreich durch John von Düffel oder Arno Geiger wiederbelebt, war immer schon ein ambivalentes Genre: Sein Stoff war stets der "Verfall" einer Familie, seine Form dagegen behauptet deren Fortbestand als regulative Idee oder zumindest als narratives Ordnungsprinzip.

Fortsetzung auf der folgenden Seite.

In "Ostersonntag" konzentriert Harriet Köhler die Handlung auf wenige Tage und zersplittert die Familienbande in vier synchrone Einzelstimmen: Ein emeritierter Biologieprofessor mit beginnender Demenz, der vor dem Discovery Channel verdämmert; seine depressive Frau, die die Anzeichen des Alters in erniedrigenden Affären wegschiebt; die Tochter, eine beruflich erfolgreiche, aber erotisch frustrierte Journalistin Mitte dreißig; der Sohn ein sich von Beziehung zu Beziehung hangelnder Tagedieb ohne festen Wohnsitz. Vier vereinsamte Menschen, die nur für die Festtage zusammenkommen, ein Familienwrack, dessen tödliches Leck der Jahre zurückliegende Selbstmord der zweiten Tochter gewesen war. Die einzelnen Stimmen sprechen in einer ungewohnten Du-Form, deren Ton zwischen grenzenlosem Selbstekel, innerem Gerichtsprozess und Dauerdisziplinierung des eigenen Alltags changiert: "Du hältst die Kaffeetasse in der Hand und schließt die Augen. Spürst ins Wohnzimmer hinein, in dem Heiner mit seinen margarineverschmierten Fingern die Zeitung volltapst. Dein Leben fühlt sich fettig an. Seufz nicht rum, mach weiter. Immer im Spiel bleiben."

Auch wenn manches, etwa das oberflächliche Berliner Single-Dasein der Tochter, Klischee bleibt, gewinnt die Geschichte mit der Zeit an Fahrt und Eindringlichkeit, auch weil die Autorin vor unappetitlichen Details keine Scheu hat. Gerade eine nicht mehr von Liebe gedeckte Intimität kann ja das Abstoßende an der Familie werden, wo die schützenden Rollen und Masken des sozialen Fernbereichs nicht funktionieren. Und bemerkenswert ist auch die Konsequenz und Härte, mit der Köhler eine Lösung verweigert: Der Sohn hat einen Brief seiner toten Schwester, mit Schuldvorwürfen will er das Ostermahl sprengen. Doch die beabsichtigte Katharsis erscheint nur noch wie ein mattes Zitat aus dem Dogma-Film "Das Fest". Der Tochter wird klar, "dass es am Ende gar nicht so wichtig ist, was man für Erfahrungen macht, weil am Ende doch das zählt, was aus ihnen entsteht. Dein Leben. Du."

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