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: Blut ist schicker als Wasser

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Blut ist dicker als Wasser, so das Sprichwort. Susanne Heinrich zeigt, dass auch die - scheinbar - frei gewählten Bindungen mitunter eine Unbedingtheit fordern, die die Vernunft übersteigt. Dass sich das über weite Strecken so kolportagehaft liest, liegt dennoch vor allem an einem psychologischen Manko: Warum Marion ihrerseits dieser Luna und ihren Launen hilflos ausgeliefert ist, darüber wird nie nachgedacht. Die Erzählerin bleibt eine black box, deren familiäre Herkunft auf wenige Sätze reduziert wird: "Und dann war die Zeit gekommen, in der meine Familie sich in zwei Lager geteilt hatte, und ich war von der Verwandtschaft abgefallen." Eine Hauptfigur ohne Vergangenheit verliert sich in der Gegenwart; das unbeschriebene Blatt wird von der ersten sirenenhaften Kraftquelle angezogen und verschluckt. Die Selbsttäuschung Marions, keiner Geschichte zu bedürfen, entspricht dem Irrglauben der Autorin, ihre Figuren als tabula rasa entwerfen zu können - mit fatalen Folgen für den Roman.

Viel programmatischer entkleidet Paul Brodowsky seine Figuren jeglichen "Herkunftskomplexes" (Thomas Bernhard): "Die blinde Fotografin" enthält lediglich sechs Kurzgeschichten, in denen wie mit einer hektischen Handkamera nomadenhaftes Großstadtleben eingefangen wird. In einem rasanten, atemlosen, parataktischen Prosastrom begegnen sich hier Menschen zufällig, in der Bahn oder im Café, stürzen aufeinander ein, ohne sich kennenzulernen, verlieren sich wieder. In der Titelgeschichte, die den Band eröffnet, protokolliert der Erzähler wie unbeteiligt, wie seine Lebensgefährtin, eine nach und nach ihr Augenlicht verlierende Fotografin, ihren Körper als Teil eines Konzeptkunstwerks bis in den Selbstmord treibt. "Manhattan: no time for consciousness" lautet das Motto der Erzählung; das Fehlen einer reflexiven Ebene ist Programm. Ein nur der sinnlichen Gegenwart verpflichteter Kamerablick kann Geschichte, Vergangenheit, Rückschau nicht erfassen, sondern allenfalls, wie in der letzten Story "Rachel", einfach den Film umgekehrt zeigen und eine Liebesaffäre rückwärts, von ihrem Ende her, erzählen. Eine Biographie haben alle diese Menschen nicht. Das macht Brodowskys Buch aber gerade nicht zu einer Abschrift modernen Lebens, sondern entrückt es in eine weltfremde Künstlichkeit. Gezeigt wird eher der Traum einer bindungslosen Welt als die Realität.

Die einzige wirklich bindende Verwandtschaft unterhält hier der Autor: Wie eine große, stets unerreichte Schwester steht das Vorbild Judith Hermann hinter diesem Sound und diesem Blick. Die literarische Erbschaft ist an die Stelle realer Vorfahren getreten. Die beste Geschichte erzählt von einer nächtlichen, fiebrigen Jagd nach einer sich quecksilbrig entziehenden Frau: "Judith" ist sie überschrieben.

Am Hermann-Ton geschult ist auch Franziska Gerstenberg, die gleichwohl bereits in ihrem zweiten Erzählungsband einen ganz eigenen Ton gefunden hat. Da bildet etwa die Wohngemeinschaft als Ersatzfamilie den Rahmen für Geschichten "in alter Manier", wie sie Ingo Schulze nennen würde, jene aus alltäglichen Beiläufigkeiten und subtilen Leitmotiven sich entwickelnden Konstellationen, in denen plötzlich sichtbar wird, an welchen seidenen Fäden oder starken Tauen das Leben hängt.

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