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: Blut ist schicker als Wasser

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Jetzt stecken wir mitten in einer brisanten Debatte über Familienbilder, Kinderwünsche und Lebensentwürfe, und Kritikerinnen, die sich noch vor kurzem über "Vater-Mutter-Kind-Prosa" lustig machten, schreiben ganze Bücher über ihre Mutterrolle. Man könne nicht über den Tellerrand schauen, betreibe Nabelschau? Aber gerade deswegen ist die junge Prosa ja interessant! Am Nabel hängt eben eine Menge dran. Und gerade deswegen lohnt es sich in diesem Frühjahr wieder ganz besonders, über die Romane und Erzählungen junger Autoren zu reden. Es ist interessanterweise der Jahrgang derer, die in diesem Jahr dreißig werden, der Jahrgang 1977, der als virtuelle Grenze dienen könnte. Schon zwei der kühnsten neuen Stimmen der letzten Saisons wurden 1977 geboren: Kirsten Fuchs, die in ihrer amour fou "Die Titanic und Herr Berg" einen ganz frischen, frech-erotischen Ton hören ließ. Und Clemens Meyer, die große Entdeckung des vergangenen Frühjahrs mit "Als wir träumten", dem schmutzigen, melodramatischen Porträt einer verlorenen Generation im Ostdeutschland der Neunziger.

Jetzt kommen zwei wichtige Debüts aus genau diesem Jahrgang: Thomas von Steinaecker und Harriet Köhler betreten mit ausgewachsenen Familienromanen die Szene, andere, Jüngere legen interessante zweite Bücher nach: Franziska Gerstenberg (geboren 1979), Paul Brodowsky (1980) und Susanne Heinrich (1985). Sie alle erzählen von der Liebe - von ihrer Gegenwart und ihrer Abwesenheit. Doch geht es in diesen Büchern nicht nur um die Liebe zwischen Mann und Frau, um Verliebtheit und Sex. Es geht auch um Freundschaft, es geht um die Liebe zu den Eltern, zu Geschwistern, zu Kindern. Das mag zunächst nicht sehr ungewöhnlich oder innovativ klingen, doch findet diese Hinwendung mit einem neuen existentiellen Ernst statt. Das Pathos des freien und einsamen Erzählersubjekts ist hohl geworden, und tastend stellen sich diese Autoren den Chancen und Zwängen familiärer, freundschaftlicher, liebender Verpflichtung. Diese Generation, die vielleicht als erste vollständig in eine Gesellschaft der Patchwork-Familien, des Familienzerfalls, der Fernbeziehungen und privilegierten Partnerschaften hineingewachsen ist, entwirft starke Bindungen vielerlei Art. Manches ist kühn und wartet, wie im Fall von Thomas von Steinaecker, mit verblüffenden erzählerischen Kunstgriffen auf. Doch selbst (und mitunter gerade) am künstlerischen Misslingen lässt sich vieles über die Sehnsüchte oder auch Lebenslügen ihrer Urheber ablesen.

Marion, die Ich-Erzählerin in Susanne Heinrichs erstem Roman "Die Andere", etwa stellt gleich zu Beginn ihrer Geschichte fast panisch klar, dass ihre eigene, gerade gescheiterte Beziehung nichts damit zu tun habe, dass ihre Mutter den Vater ebenfalls nach genau sechs Jahren verließ "mit der Begründung, es genüge ihr jetzt, sie habe ihn lange genug geliebt". Marion begegnet in Paris, wohin sie sich als freie Übersetzerin geflüchtet hat, einer alten Freundin wieder, der ätherischen und divenhaften Luna, die wiederum in einem regelrechten Liebeswahn dem steinreichen französischen Frauentraum Viktor verfallen ist. Es entwickelt sich eine komplizierte Fünfecksbeziehung, in der Marion eine Liebelei mit Viktors rechter Hand anfängt, nur damit Luna ihrem vergötterten Schönling näherkommt, um dann im dramatischen Finale auf einem provençalischen Landschloss hart auf dem Boden der Realität aufzuschlagen. Der Traum der absoluten, romantischen Liebe endet wie früher im Tod.

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