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: Bitte um ein wenig Leben

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So ließe sich das Szenario der Weltkriegsboheme, die hier das Zentrum bildet, wiedergeben. Es bildet das Skelett zu einem faszinierenden, streckenweise kalkuliert verwirrenden Schlüsselroman, mit dem H.D. knapp fünfzehn Jahre später daranging, ihre künstlerischen Anfänge und ersten großen Krisen zu verarbeiten. 1886 in Pennsylvania geboren, war sie 1911 Ezra Pound, ihrem heimlichen Verlobten aus Schulzeiten, nach London gefolgt. Der verschaffte ihr Publikationsorgane für ihre Gedichte und rief auch noch ein neues literarisches Programm, den "Imagismus", aus. Er hielt H.D. davon ab, der lesbischen Freundin Frances Gregg, mit der sie nach London gekommen war, in die Flitterwochen nachzureisen. Stattdessen heiratete H.D. 1913 den Lyriker Richard Aldington, der sie im Krieg verließ und in eine ungestüme Liebe zum Maler Cecil Grey, den sie durch D.H. Lawrence kennengelernt hatte, trieb. Von Grey stammt 1919 das einzig überlebende Kind, eine Tochter, die sie, nach ihrer ersten Frauenliebe sowie einer verlorenen Shakespeare-Figur, Frances Perdita nannte. Aus der schweren Krankheit und Lebenskrise, in die H.D. zu dieser Zeit verfiel, rettete sie eine reiche Erbin und Autorin namens Bryher, die ihr fortan Gefährtin und, trotz beiderseitig weiterer Beziehungen und Ehen, die Geliebte bleiben sollte.

Der Roman "Bid me to live", erstmals 1960, im Jahr vor ihrem Tod, erschienen, formuliert also ein Programm, das auch am eigenen Leib durchlebt wurde: Erzählen als Therapie. Die beginnende Arbeit am Roman fällt Mitte der dreißiger Jahre zusammen mit der Analyse bei Freud, zu dem H.D. durch Vermittlung von Freunden wie Hans Sachs und Havelock Ellis Zugang findet. Freud diagnostiziert Bisexualität und rät ihr, um eine Schreibblockade zu überwinden, alles Erlebte in sprachliche Ordnung bringen. Doch Linearität ist das Letzte, was H.D. interessiert. Bei aller Klarheit und Scharfkantigkeit ihrer Gedichte, die häufig wie aus Quarz gemeißelt wirken, sucht ihre Sprache dennoch den Durchbruch zum Elementaren, Fremden und Archaischen, dem sie sich ganz ausliefert, um alle Figuren und Ereignisse, von denen sie erzählt, auf wundersame Weise in entlegene Sphären, griechische oder okkulte, zu entrücken. Das macht es Lesern, die es übersichtlich schätzen, nicht einfach, doch die Mühe, einen Zugang zu ihren Erzählwelten zu finden, lohnt.

Obwohl H.D. seit den achtziger Jahren insbesondere von der Gender-Forschung viel beachtet und zu Recht gefeiert wurde, bleibt vieles noch zu erschließen. In diesem Jahr ist "The Sword Went out to Sea", ein fragmentarischer Traumtext, den sie als ihr erzählerisches Hauptwerk ansah, überhaupt erstmals erschienen. So kommt die deutschsprachige Erkundung dieser großartigen Autorin der Moderne zur rechten Zeit und ist unbedingt begrüßenswert. Der Publikation von "Madrigal" in Anja Lazarowiczs feinfühliger Übersetzung ist 2006 bereits "Heimliche Deutung" vorausgegangen, ein später Zyklus von Liebesgedichten, den Ulrike Draesner übertragen hat. Für kommenden Herbst ist "Tribut an Freud" angekündigt, mit dem H.D. ihre Erfahrungen der Psychoanalyse literarisch umgestaltet hat.

Von Julia, dem Alter Ego der Autorin, heißt es in "Madrigal": "Sie war eine Seherin, Hellseherin. Sie fühlte sich zu Hause in diesem Land der subtilen Anspielungen, so wie sie sich in Büchern zu Hause fühlte." Wer sich als Leser zu H.D. in dieses Land der Hellsichtigen vorwagt, wird viele andere Bücher bald nur noch wie ein Exil empfinden.

TOBIAS DÖRING

H.D.: "Madrigal". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anja Lazarowicz. Urs Engeler Editor, Basel 2008. 223 S., geb., 19,- [Euro].

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