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: Bis die Schwarte kracht

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Zürich, die blaue Stadt, und der Zufall führten die Liebenden nach langer Trennung wieder zusammen. Als Johannes Judith auf einer Parkbank schlafen sah, flammte seine nie ganz erloschene Leidenschaft wieder hell lodernd auf wie am ersten Tag. Als Judith ihn damals vor achtzehn Jahren betrog, brach eine Welt für ihn zusammen, und seine empfindsame Seele verdunkelte sich.

          Zürich, die blaue Stadt, und der Zufall führten die Liebenden nach langer Trennung wieder zusammen. Als Johannes Judith auf einer Parkbank schlafen sah, flammte seine nie ganz erloschene Leidenschaft wieder hell lodernd auf wie am ersten Tag. Als Judith ihn damals vor achtzehn Jahren betrog, brach eine Welt für ihn zusammen, und seine empfindsame Seele verdunkelte sich. Jetzt aber wird alles wieder gut, noch besser als damals. Herbstlich leuchtet das "Sonnengold" überm See, die Rösti schmecken köstlich. Judith trägt immer noch ihren Lederrucksack, er raucht immer noch kubanische Zigarillos, beider Körper reagieren "genauso wie in den ersten Tagen, genauso hingerissen, betört und emphatisch, als wären die sensibelsten Reizorgane der Sinne nur genau auf diesen einen anderen Menschen gepolt".

          Zwischen dieses Liebespaar passt kein Blatt Papier: "Wie das passt! Als gehörten wir seit Urzeiten zusammen!" Aber gut dreihundert Seiten voll der anmutigsten, tiefgründigsten Gespräche, in denen Sätze fallen wie "Ich glaube, dieses jugendliche Empfinden hat etwas Nomadisches" oder "O, ich bin ganz berauscht von den beiden Stunden, die wir in dieser gewaltigen White Box verbringen durften."

          Man besucht die schönsten Museen, Plätze und Lokale Zürichs, isst, nein: kostet Aphrodisisches (Steinpilze mit Champagner, Austern, Kalbsbitoke mit Morchelhut) und die derberen, aber nicht minder "unvergleichlichen Bratwürste" vom Bellevue, und im Hotelzimmer kommt es dann zum "unendlich ersehnten Zusammenklang der Körper", zu "körperlichen Sensationen", die den "antrainierten Panzer sehr allmählich sprengen". Judith, "von der Liebe berauscht", kommt wie der "wilde Regen" über Johannes, und "diese Entdeckung des Paargefühls war wie ein Rausch". Es rauscht gewaltig in diesem Roman.

          Und alles passt zueinander wie der Kuchen zur Backform. Johannes, der begnadete Pianist, ist der ewige "romantische Jüngling": sensibel, empfindsam, vielleicht auch ein wenig schlaff und schwach; sie, Autorin geistreicher Essays über die "Gestik der Liebe", hielt sich körperlich und intellektuell straffer. Beide sind Einzelkinder, schön und begehrt und Meister auf ihrem Gebiet; zusammen sind sie unschlagbar. In der Kronenhalle, auf halbem Weg zwischen Kunsthaus und Tonhalle, beschließen sie, "Zürich von zwei Seiten zu bespielen": Im Zangengriff von Musik und bildender Kunst soll ihre Liebe in die Höhe wachsen und die "Verwandlung der Welt ins Emphatische" vollenden. Judith will in einer Hybrid-Ausstellung Monets Seerosen mit Gottfried-Keller-Porträts dekonstruieren, Johannes den erstarrten Konzertbetrieb mit einer Kombination von Mozart und Scarlatti revolutionieren. Beim Essen und Reden geht es allerdings um die Hybrid-Verbindung von Mann und Frau und die Rekonstruktion alten Glücks. Bei so viel "Total-Harmonie" sehnt man sich nach Alltags- und Eifersuchtsdramen. Aber es gibt kaum Dissonanzen, keine ernsthafte Verstimmung, und das Happy End ist märchenhaft. "Mein Gott, ist das wahr?", wundert sich selbst Johannes. "Was zauberte ich mir da bloß wieder im Kopf zusammen?"

          Bei der "restlosen Verschmelzung der Körper" mag "Starkes und Großes", ja "Ungeheuerliches" geschehen. Aber kann man heute noch einen Kuss unter Erwachsenen beschreiben wie Hedwig Courths-Mahler vor hundert Jahren? "Dann aber, als ich spürte, wie ihre Lippen nachgaben und weicher wurden und ein leiser Druck meine Berührung erwiderte, küssten wir uns minutenlang, als sollten unsere Lippen miteinander verwachsen." Und kann man noch wie der alte Goethe mit der eigenen "Erregung beschäftigt" sein und sich dem "Genuss einer ausgedehnten Mahlzeit hingeben"? Ortheil genießt, kostet und verweilt, dass die Schwarte kracht. Wie in seinen Italiensehnsuchtsromanen und zuletzt in "Die große Liebe" wendet er sich schon durch Cover und Titel an ein Publikum, das die Bratwurst des Lore-Romans nicht ohne Bildungs- und Kultursenf mag. Ortheil war selbst einmal Konzertpianist und ist Professor für Kreatives Schreiben, und deshalb darf man sein Verlangen nach einer Liebe, die Kunst und Leben, Kronenhalle und Stehimbiss versöhnt, nicht mit Kitsch verwechseln. Augenzwinkernd streut er sub- und intertextuelle Anspielungen und professoralen Schabernack ein.

          Schmutz und Schmerz kommen in diesem Fluchttraum für reifere Kunstliebhaber nicht vor, die "untergründig lauernden, dunklen Phantasien" allenfalls beim Maskenball in der "Russendisko". Einmal definieren Judith und Johannes den Klopstock als "kleinste Maßeinheit aller Freudennuancen". Zu Werthers Zeiten musste ein Jüngling nur "Klopstock!" rufen, um von allen empfindsamen Herzen verstanden zu werden. Heute müssen wir "Ortheil" sagen, wenn wir ein Maß für kleinere Lesefreuden oder ein Synonym für gehobene Schmonzetten suchen.

          MARTIN HALTER.

          Hanns-Josef Ortheil: "Das Verlangen nach Liebe". Roman. Luchterhand Verlag. München 2007. 320 S., geb., 19,95 [Euro].

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