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Schweinsteiger-Biographie : Doppelpass in die Langeweile

Der eine beinahe tragisch zu nennende Moment im Leben Bastian Schweinsteigers: am 19. Mai 2012 nach dem verschossenen Elfmeter im Champions-League-Finale Bild: GES-Sportfoto

Ein Autor, der nicht viel von Fußball versteht, wird von einem Fußballer, der ungern liest, mit der Beschreibung seines Lebenswegs beauftragt.: Martin Suter scheitert mit seiner Biographie über den einstigen Profi Bastian Schweinsteiger.

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          In der achtundachtzigsten Minute erzielte Didier Drogba im Finale der Champions League 2012 den Ausgleich, „mit einem Kopfballaufsetzer“. So schreibt es Martin Suter in seiner Biographie über Bastian Schweinsteiger. Mit einem Aufsetzer? Drogba, der wie kein anderer Fußballer Kraft und Eleganz miteinander verband, hatte den Ball aus etwa sechs Metern und aus vollem Lauf mit spektakulärer Wucht und Präzision direkt in den rechten Winkel geköpft. Ein Traumtor, sieht man von Bayernfans einmal ab. Obwohl Manuel Neuer richtig stand, hatte er keine Abwehrchance. Das Drama nahm seinen bekannten Lauf, am Ende unterlagen die Bayern Chelsea im Elfmeterschießen, Schweinsteiger verschoss den entscheidenden Elfmeter.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Man könnte den Fehler Suters für eine Kleinigkeit halten. Aber das ist er nicht, denn er zeigt, dass der Autor an Fußball nicht tiefer interessiert ist. Dass er keine persönlichen Erinnerungen an Spielzüge aus großen Begegnungen hat, die sich Aficionados ins Gedächtnis eingebrannt haben, etwa weil sie spürten: Drogbas Tor war so schön, dass es allein den nach allen Statistiken unverdienten Sieg Chelseas rechtfertigen konnte. Was Suter über Fußball schreibt, ist dagegen an­gelesen, das merkt man an der eigentümlichen Leblosigkeit der Spielberichte, die sich in der Biographie eines Fußballers nun einmal nicht ganz vermeiden lassen. Auch das, was Schweinsteigers Spielstil und dessen Weiterentwicklung ausmachte, wird nur schablonenhaft referiert.

          Juristische Überlegungen

          Der Protagonist wiederum hat von sich selbst mit etwas billiger Koketterie gesagt, er lese lieber tausend Fußballspiele als ein Buch. Kurzum: Ein Autor, der nicht viel von Fußball versteht, wird von einem Fußballspieler, der ungern liest, mit der Beschreibung seines Lebenswegs beauftragt. Das Kalkül dieses Doppelpasses folgte einer Marketing-Logik: Sportstar und Bestseller-Autor steigern sich wechselseitig in ihrer Be­deutung.

          Martin Suter: „Einer von euch“. Bastian Schweinsteiger. Roman.
          Martin Suter: „Einer von euch“. Bastian Schweinsteiger. Roman. : Bild: Diogenes Verlag

          Die Biographie ist als „Roman“ ausgewiesen. Nun dürften weniger literaturtheoretische, sondern vor allem juristische Überlegungen von Autor und Verlag zur Wahl dieses Genre-Etiketts geführt haben. Wo sich jemand unvorteilhaft dargestellt fühlen könnte, etwa ehemalige Berater oder Freundinnen Schweinsteigers, kann der prophylaktische Verweis auf die Fiktionalität teuren Ärger ersparen. Wobei der Gentleman-Autor Suter ohnehin in jeder Hinsicht so diskret bleibt, dass diese Sorge eher theoretischer Natur ist. Zugleich laufen die etwas gestelzt formulierten und vermutlich von einem inneren Unbehagen zeugenden Auskünfte in Suters Vorwort darauf hinaus, dass er einerseits in An­spruch nimmt, mit Angaben zu Orten, Zeiten und Namen präzise zu sein, aber für Dialoge, innere Monologe und atmosphärische Schilderungen dichterische Freiheit beansprucht. Auf eine solche Mischung greifen jedoch auch Verfasser anderer Bücher über Sportstars zurück, ohne diese gleich als Roman auszuweisen.

          Dass Suter souverän schreiben kann, ist bekannt. Auch den Lebensweg Schwein­steigers vom sportbegeisterten Kind zum Weltmeister erzählt er sehr gediegen und streng chronologisch in kurzen Sätzen, die Pathos und Kitsch nicht scheuen, hier und da mit einem Schuss milder Ironie durchwirkt. Wie man es von ihm kennt, legt Suter bei der Beschreibung von Natur, Speisen und Interieurs viel Detailliebe an den Tag. Umso mehr fällt auf, wie blass die Figuren ausfallen. In den Fällen, in denen sie aus dem Fernsehen bekannt sind – von Uli Hoeneß bis zu Sarah Brandner –, lassen sich die Leerstellen von den Lesern leicht füllen. Doch Eltern, Bruder, Freunde des Helden bleiben Schemen.

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