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Biografie des Nobelpreisträgers V.S. Naipaul : Man darf ruhig schlecht von mir denken

Man soll ruhig schlecht von ihm denken: der Nobelpreisträger V.S Naipaul Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Eine Biografie des Nobelpreisträgers V.S. Naipauls schlägt in England hohe Wellen. Sie schildert den Schriftsteller als einen Menschen, der seine literarische Laufbahn ohne Rücksicht auf andere vorantrieb. Die schonungslose Darstellung trifft auf Naipauls volles Einverständnis.

          In „Das Rätsel der Ankunft“, der romanhaften Autobiographie, die Sir Vidiadhar Surajprasad Naipauls Weg von der westindischen Kolonie Trinidad ins Mutterland des Empire nachzeichnet, sitzt der Verfasser im Flugzeug und bittet die Stewardess, „weiß und amerikanisch und in meinen Augen strahlend und schön und erwachsen“, seinen Bleistift anzuspitzen. Er hat Stift und Notizblock dabei, weil er aufbricht, um Schriftsteller zu werden. Von Ungeduld getrieben, will er mit seiner Mission schon bei der Abfahrt Ernst machen. Die Stewardess reicht ihm den gespitzten Stift, und er beginnt sogleich, sich Notizen zu machen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          V. S. Naipaul konnte Trinidad nicht früh genug verlassen. Er hielt es, wie er in seiner pointierten Art einmal verlautbarte, für einen großen Fehler, dort geboren zu sein. In der vierten Klasse fasste er den Beschluss, innerhalb von vier Jahren auszubrechen. Es hat sechs Jahre gedauert, bis es 1950 so weit war. Naipaul war damals achtzehn Jahre alt. Andere Schriftsteller seien aus der Karibik nach London gekommen, um einen Verleger zu finden, sagte ein Interviewer vor Jahren, um die Frage an Naipaul einzuleiten, ob er denselben Beweggrund gehabt habe. „Nein“, erwiderte dieser, „ich bin gekommen, um der Zivilisation beizutreten.“

          Das Schicksal der Ambitionslosen

          Mit einfühlsamer Lakonie schildert Patrick French diese Reise des Enkels indischer Schuldknechte, die Ende des neunzehnten Jahrhunderts als billige Arbeitskräfte in die Karibik verschifft wurden, von ärmlichen Anfängen in Trinidad an die Spitze der Weltliteratur. Seine vielgepriesene Biographie des Nobelpreisträgers des Jahres 2001 entleiht ihren Titel „The World is What it Is“ dem ersten Satz von Naipauls Roman „An der Biegung des Großen Flusses“: „Die Welt ist, was sie ist; Menschen die nichts sind, die sich erlauben nichts zu werden, haben keinen Platz darin.“

          Mit dem Buch, das in England hohe Wellen schlägt, ist dem zweiundvierzig Jahre alten French ein großer Wurf gelungen. Als Parabel des kolonialen Außenseiters ist die Biographie mehr als nur die Lebenschronik eines schon sehr früh von seiner höheren Bestimmung überzeugten Schriftstellers. Naipaul geht mit seiner Lebensgeschichte um wie mit einem literarischen Werk. French schildert ihn als Autor, der sein Leben der Kreativität unterordnet und dasselbe von seinem unmittelbaren Umfeld verlangt. Er hat von Anfang an an die Nachwelt gedacht. Tagebücher, Notizen, Manuskripte, Zettel, Briefe, Zeitungsausschnitte, Fotos, Abrechnungen wurden in nummerierten Kisten sorgfältig aufbewahrt. Schon Anfang der siebziger Jahre versuchte er einen Käufer für sein Archiv zu finden. Im Jahr 1993 einigte er sich schließlich mit der Universität von Tulsa in Oklahoma. Dort erklärte er bei der Übergabezeremonie Schriftstellerbiographien zu einem legitimen Forschungsthema. Mit der Wahrheit dürfe nicht hinterm Berg gehalten werden. Naipaul legte sogar nahe, dass die vollständige Darstellung eines Schriftstellerlebens literarischer und aufschlussreicher sein könnte als die Bücher des Autors selber.

          Der Schriftsteller als Forschungsobjekt

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