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: Besser fett und verweichlicht als in der Natur verhungert

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T. C. Boyle ist einer jener amerikanischen Autoren, denen trotz eines schier unglaublichen Roman-Ausstoßes die klassische Short Story mindestens ebenso am Herzen liegt. Sein Werk ist sogar noch viel größer, als es die bisher drei auf Deutsch erschienenen Erzählungsbände erwarten lassen, denn etliches ist separat erschienen oder nicht übersetzt worden.

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          T. C. Boyle ist einer jener amerikanischen Autoren, denen trotz eines schier unglaublichen Roman-Ausstoßes die klassische Short Story mindestens ebenso am Herzen liegt. Sein Werk ist sogar noch viel größer, als es die bisher drei auf Deutsch erschienenen Erzählungsbände erwarten lassen, denn etliches ist separat erschienen oder nicht übersetzt worden. Und wie groß wäre erst der Umfang dieses erzählerischen Werks, wenn Boyle sich nicht einer spezifischen Technik befleißigte, die man entweder sachlich als Abbruch des Geschehens beschreiben kann oder polemisch als Brüskierung des Lesers? Ehe es zum ganz Schlimmen kommt - und es geht fast immer darauf zu -, hört Boyle einfach auf zu erzählen. Nicht, weil er dem Charme des literarischen Fragments erlegen wäre, sondern weil er weiß, dass die Phantasie des Publikums seine Geschichten zuverlässig in die Katastrophe weiterschreiben wird.

          Und das Publikum dankt es ihm mit Treue. Der Rezensent las sein Vorabexemplar des neuen Erzählungsbandes in der Straßenbahn und wurde sofort darauf angesprochen - und zwar im Ton höchsten Unglaubens, dass es da etwas geben könnte, was der Leserin noch nicht bekannt war. Boyle hat ein überwiegend weibliches Publikum, und das überrascht nicht, denn seine Männer sind das deutlich schwächere Geschlecht. Dabei geht es gar nicht immer um Leib und Leben, aber stets um etwas, das kaum weniger zählt: Selbstachtung. Boyles Protagonisten verfallen auch nicht der Hybris, sondern scheitern schlicht an der Unfähigkeit, als moderne Menschen mit den Herausforderungen archaischer Kräfte zurechtzukommen. Sie drohen in der Wildnis unterzugehen, sie werden Opfer von Gewalt und Hass, sie kapitulieren als vernunftbegabte Wesen vor den Raubtierinstinkten der Umgebung. Kein anderes Buch hat das schöner in einen Titel gepackt als die gerade erschienene neue Erzählungssammlung, die "Zähne und Klauen" heißt.

          Darin finden sich vierzehn Geschichten, die mit zwei Ausnahmen alle in den Vereinigten Staaten angesiedelt sind, allerdings meistens abseits von deren pulsierenden Zentren; und die beiden außeramerikanischen Handlungsorte versetzen uns erst recht ans Ende der Welt, auf die Shetland-Inseln nämlich und nach Feuerland. Die erste dieser beiden fremdgehenden Erzählungen, "Windsbraut", schildert einen Sturm, der so stark ist, dass die Nordlichter ausgehen und die Menschen mit ihren Hütten davongewirbelt werden. Das Fremdenverkehrsamt der Shetlands wird Boyle dafür nicht dankbar sein, aber seine Schilderung der Inseln ist zweifellos außerordentlich lebendig, auch wenn am Ende die amerikanische Besucherin, eine Vogelkundlerin, auf der Strecke bleibt.

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