https://www.faz.net/-gr3-uah9

: Berserker der Gerechtigkeit

  • Aktualisiert am

So besessen wie Thomas Harlan haben sich nur wenige an die Aufarbeitung der Greuel des Zweiten Weltkriegs gewagt. Harlan, Jahrgang 1929, Filmemacher, Lyriker und Dramatiker, kämpft in seinem zweiten Roman "Heldenfriedhof" einen sehr persönlichen Kampf. Und er kämpft ihn nicht zum ersten Mal. Seit Jahrzehnten verfolgt Harlan eine Mission, zu der ihn seine familiäre Herkunft getrieben hat.

          So besessen wie Thomas Harlan haben sich nur wenige an die Aufarbeitung der Greuel des Zweiten Weltkriegs gewagt. Harlan, Jahrgang 1929, Filmemacher, Lyriker und Dramatiker, kämpft in seinem zweiten Roman "Heldenfriedhof" einen sehr persönlichen Kampf. Und er kämpft ihn nicht zum ersten Mal. Seit Jahrzehnten verfolgt Harlan eine Mission, zu der ihn seine familiäre Herkunft getrieben hat. Als Sohn des Regisseurs Veit Harlan, der populäre NS-Propagandafilme wie "Jud Süß" drehte, kämpft er seit Ende der 1950er Jahre einen Kampf gegen das Vergessen.

          Sein Aktionismus hat ihm viel Ärger eingebracht, diesseits und jenseits der Landesgrenzen. Die polnische Justiz führte 1963 ein Verfahren wegen Verrats von Staatsgeheimnissen gegen ihn, weil er auch polnische Kriegsverbrechen aufdeckte; West-Deutschland 1964 ein Verfahren wegen Landesverrats, weil er deutsche Täterakten im Ausland öffentlich gemacht hatte. Sein Pass wurde ihm entzogen. Doch Harlan machte weiter. Zeitweilig nutzte er fremde Pässe, reiste weiter, forschte weiter, suchte nach immer neuen alten Tätern. Manisch getrieben, förderte er in den sechziger Jahren Tausende Akten über deutsche Kriegsverbrechen zutage, als man sich im Westen gerade in schönster Verdrängung bequem eingerichtet hatte. Einer wie Harlan störte. "Die einzige Strafe, die ich mir vorstellen kann, ist Wahrheit", hat Harlan einmal gesagt, und jene Wahrheit hat er auch dem eigenen Vater aufgezwungen. "Einem Sohn, der mich nur zu zehn Prozent so verraten hätte wie ich ihn, hätte ich nicht die Hand gegeben", mutmaßt Harlan in einem Monolog über sein Tun.

          Seit mehreren Jahren lebt er als Patient in einer Lungenklinik in Berchtesgaden. Hier hat er "Heldenfriedhof" geschrieben. Die quälende Lunge dient ihm im Roman immer wieder als Metapher: von bebenden Lungenflügeln, Atemanstrengungen ist die Rede, von Luftmangel und Aufsaugen.

          Die Lektüre seines Buches ist oft eine Qual, ein masochistisches Unterfangen, ein Gewaltakt über 500 Seiten, eine mitunter fast unlesbare Aneinanderreihung von Schrecken, Rätseln, Klagen und Enthüllungen. Wieso sollten sich Lesende dem nahezu Unlesbaren stellen? Es gibt Grund:

          "Heldenfriedhof" gleicht einem Spinnennetz aus Ereignisberichten, Akten, Zeugenaussagen, Schnipseln, Zeitungsberichten, das in wilder, nichtchronologischer Montage von einem Fadenkreuz zum nächsten schleudert, vor und zurück, unvermittelt Haken schlägt. Ständig wechselt die Erzählperspektive, jongliert Harlan mit Wiederholungen, bricht der Text mitunter mitten auf der Seite ab - der Rest ist weißes Papier. Leerstellen, die zu deuten jedem selbst überlassen bleibt. Das, was fehlt, ist unsagbar, überflüssig, altbekannt oder geheim. Der Versuch jedoch, ein Resümee der Handlung zu ziehen, stößt zwangsläufig an enge Grenzen, der Dschungel aus Fiktion, Wahrheit und wirrem Wahn ist kaum zu lichten.

          Der Roman beginnt mit dem kollektiven Selbstmord einer Gruppe von NS-Tätern im Jahr 1963 auf einem Friedhof in Triest. Mysteriös: Am Vortag wurde die Tat bereits in allen Details in einem Fortsetzungsroman namens "Heldenfriedhof" prophezeit, erschienen in der örtlichen Zeitung. Verfasser der Vorausschau und wichtigster Akteur im Roman mit seinen Aberdutzenden Figuren: Enrico Cosulich, der dem Selbstmörderkommando auf seinen jahrelangen Recherchen zum KZ-Tod der eigenen Mutter nachstellte. Als Heinrich Dürr taucht er auf, als Enrique Duerr und als Enrico Cosulich, er wechselt Alter und Haarfarbe und bleibt ein Rätsel, ein perfekter Spieler mit den unterschiedlichsten Identitäten.

          In einer beispielhaft atemlosen Passage heißt es über Enrico Cosulich, "er selbst schon im Wettkampf zwischen Lungenlappen und Worten, noch auf Seiten der Worte, doch schon Verlierer, nach Löchern, nicht etwa Luft, Worten schnappend, Luft-Pausen, -räumen, zwischen Räumen auf der Jagd, und er recht eigentlich nicht tat, was man Sprechen nennt, sondern abstarb zwischen Wunsch und Not, das Nichtgesagte aus Leerräumen kratzend, an Schnüren, Über-, Nabelresten, -bleibseln hängend zwischen Flügeln wehrlos sich gegen abwesende Winde schachmatt schabender Stimmen, Brüchen, greisen Geflügels, zu dem er sich wandernd, zählte".

          Vor der Übermacht der unvorstellbaren Taten, des gezielten Völkermords, der Mitläufer und Handreicher, rettet sich Harlan in atemlos gehaspelte Satzfragmente. Strengt die Lektüre mitunter körperlich an und geht der Faden in den teils seitenlangen Sätzen zwischen Semikola, Gedankenstrichen und Klammern verloren, flicht Harlan immer wieder ein Reizwort ein, mit dem er die Aufmerksamkeit des Lesers zurückgewinnt: "Pina Bausch" taucht da plötzlich auf und verschwindet wieder. Oder, rabiater noch, der BND, dessen fragwürdige Gründungsmythen en passant, einfach so, dastehen.

          Die Passbilder am Anfang und Ende des Romans zeigen Täter, Technokraten des nationalsozialistischen Regimes, ohne Datum und Charakteristika, einzig mit Namen versehen. Wie August Dietrich Allers, dem rund 35 000 Morde zur Last gelegt wurden, Kapitalverbrechen von der Stange. Der Täter wird in sechs verschiedenen Bildern abgebildet, sein Aufzug ändert sich, seine Biographie bleibt gleich. Aber was passiert mit unserem Blick auf ihn? Der Leser ist während der Lektüre immer wieder versucht, den von Harlan gesammelten Fakten und "Fakten" nachzurecherchieren. Es gäbe Anlass genug, denn "Heldenfriedhof" mixt nahtlos verbürgte Wahrheiten wie Allers' Tod vor dem Münchner Landgericht im Jahr 1975 oder Details aus den Euthanasieprogrammen mit Fiktion. Von einem Massenselbstmord wie in Triest weiß die Forschung nichts. Starb aber ein NS-Verbrecher wirklich, indem sein Henker ihn nach der Hängung am Ohr zog, weil er so leicht war, dass der Fall vom Galgen allein ihn nicht umbrachte?

          Aus den für Massenmorde verantwortlichen Technokraten macht Harlan Figuren mit Luxussorgen: das Haus eines Körperbehinderten in Triest gewaltsam zu okkupieren, gut und schön, aber bei den Schüssen auf den Bettlägerigen wird das Bett geschädigt, ein Jammer. Neben Allers, zunächst Geschäftsführer der Euthanasiezentrale in der "Kanzlei des Führers", dann zuständig für das Konzentrationslager Risiera di San Sabba, geht es um Hermann Höfle, Leiter der "Aktion Reinhard", dem Tarnnamen für die systematische Tötung in den Vernichtungslagern Treblinka, Belzec und Sobibor. Es geht um ihre verworrenen Beziehungsgeflechte, ihre Ehen, Amouren, ihre Hintermänner. Banale Sätze korrespondieren mit banalen Inhalten, die mehr schockieren als jede Betroffenheitsliteratur, indem sie unkommentiert, scheinbar wertfrei und schnöde vorgeben, das Grauen sei hintanzustellen.

          Seine stärksten Momente hat "Heldenfriedhof", wenn Harlan sich in Details vergräbt, seitenlang die Menschen hinter der "Vernichtungsindustrie" beschreibt, ihre über den Zweiten Weltkrieg hinausgehenden Bande, tragfähige Netzwerke getarnter Täter, die es im Nachkriegsdeutschland zu Ansehen brachten. Über ein halbes Dutzend Seiten verfolgt Harlan zwei NS-Täter bei ihrer Flucht durch einen Salzstollen nach Österreich. Die Lektüre der brutalen, lebensgefährlichen Tour lässt den Leser nach einer Weile wie aus einem schlechten Traum aufschrecken, denn schlagartig kehrt in die Erinnerung zurück, was der Anlass der halsbrecherischen Flucht war: die Verbrechen der Flüchtigen im Zweiten Weltkrieg, ihr billiger, allzu menschlicher Versuch, ungeschoren davonzukommen.

          So quälend der Roman, so konsequent ist Harlans Vorgehen, nicht in erster Linie zu unterhalten. Er verweigert seinem Publikum eingängige Kost, stattdessen treibt er es rücksichtslos an seine Grenzen, testet die Identifikation mit seinen Figuren und wirft wie beiläufig die Frage nach den eigenen Wertungen von "Ästhetik" und historischen Ereignissen auf. Wer sich "Heldenfriedhof" stellt, schärft seinen Sinn für die Macht des Erinnerns.

          LEONIE WILD

          Thomas Harlan: "Heldenfriedhof". Eichborn Berlin. 577 Seiten, 24,90 Euro.

          Weitere Themen

          „It Must Be Heaven“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „It Must Be Heaven“

          „It Must Be Heaven“ ist eine französisch-kanadische Komödie aus dem Jahr 2019 von Elia Suleiman. Der Film kämpft in Cannes um die Goldene Palme.

          „All my Loving“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „All my Loving“

          „All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Donald Trump und sein Außenminister Mike Pompeo

          Saudi-Arabien : Trump umgeht Kongress bei Waffenverkäufen

          Die amerikanische Regierung will Waffen ohne Zustimmung des Kongresses an Saudi-Arabien liefern. Außenminister Mike Pompeo sieht darin eine Abschreckung „iranischer Aggressionen“. Die Demokraten befürchten einen Einsatz der Bomben im Jemen-Krieg.
          Der russische Präsident Wladimir Putin und Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, geben sich während einer gemeinsamen Pressekonferenz in Moskau die Hand.

          Nach Ibiza-Video : Orbán und Putin wenden sich von Strache ab

          In seinem Ibiza-Video hat Heinz-Christian Strache den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán als sein Vorbild bezeichnet. Doch der hat sich nun von Österreichs ehemaligem Vizekanzler distanziert. Auch Putin wendet sich von Strache ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.