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: Berserker der Gerechtigkeit

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Vor der Übermacht der unvorstellbaren Taten, des gezielten Völkermords, der Mitläufer und Handreicher, rettet sich Harlan in atemlos gehaspelte Satzfragmente. Strengt die Lektüre mitunter körperlich an und geht der Faden in den teils seitenlangen Sätzen zwischen Semikola, Gedankenstrichen und Klammern verloren, flicht Harlan immer wieder ein Reizwort ein, mit dem er die Aufmerksamkeit des Lesers zurückgewinnt: "Pina Bausch" taucht da plötzlich auf und verschwindet wieder. Oder, rabiater noch, der BND, dessen fragwürdige Gründungsmythen en passant, einfach so, dastehen.

Die Passbilder am Anfang und Ende des Romans zeigen Täter, Technokraten des nationalsozialistischen Regimes, ohne Datum und Charakteristika, einzig mit Namen versehen. Wie August Dietrich Allers, dem rund 35 000 Morde zur Last gelegt wurden, Kapitalverbrechen von der Stange. Der Täter wird in sechs verschiedenen Bildern abgebildet, sein Aufzug ändert sich, seine Biographie bleibt gleich. Aber was passiert mit unserem Blick auf ihn? Der Leser ist während der Lektüre immer wieder versucht, den von Harlan gesammelten Fakten und "Fakten" nachzurecherchieren. Es gäbe Anlass genug, denn "Heldenfriedhof" mixt nahtlos verbürgte Wahrheiten wie Allers' Tod vor dem Münchner Landgericht im Jahr 1975 oder Details aus den Euthanasieprogrammen mit Fiktion. Von einem Massenselbstmord wie in Triest weiß die Forschung nichts. Starb aber ein NS-Verbrecher wirklich, indem sein Henker ihn nach der Hängung am Ohr zog, weil er so leicht war, dass der Fall vom Galgen allein ihn nicht umbrachte?

Aus den für Massenmorde verantwortlichen Technokraten macht Harlan Figuren mit Luxussorgen: das Haus eines Körperbehinderten in Triest gewaltsam zu okkupieren, gut und schön, aber bei den Schüssen auf den Bettlägerigen wird das Bett geschädigt, ein Jammer. Neben Allers, zunächst Geschäftsführer der Euthanasiezentrale in der "Kanzlei des Führers", dann zuständig für das Konzentrationslager Risiera di San Sabba, geht es um Hermann Höfle, Leiter der "Aktion Reinhard", dem Tarnnamen für die systematische Tötung in den Vernichtungslagern Treblinka, Belzec und Sobibor. Es geht um ihre verworrenen Beziehungsgeflechte, ihre Ehen, Amouren, ihre Hintermänner. Banale Sätze korrespondieren mit banalen Inhalten, die mehr schockieren als jede Betroffenheitsliteratur, indem sie unkommentiert, scheinbar wertfrei und schnöde vorgeben, das Grauen sei hintanzustellen.

Seine stärksten Momente hat "Heldenfriedhof", wenn Harlan sich in Details vergräbt, seitenlang die Menschen hinter der "Vernichtungsindustrie" beschreibt, ihre über den Zweiten Weltkrieg hinausgehenden Bande, tragfähige Netzwerke getarnter Täter, die es im Nachkriegsdeutschland zu Ansehen brachten. Über ein halbes Dutzend Seiten verfolgt Harlan zwei NS-Täter bei ihrer Flucht durch einen Salzstollen nach Österreich. Die Lektüre der brutalen, lebensgefährlichen Tour lässt den Leser nach einer Weile wie aus einem schlechten Traum aufschrecken, denn schlagartig kehrt in die Erinnerung zurück, was der Anlass der halsbrecherischen Flucht war: die Verbrechen der Flüchtigen im Zweiten Weltkrieg, ihr billiger, allzu menschlicher Versuch, ungeschoren davonzukommen.

So quälend der Roman, so konsequent ist Harlans Vorgehen, nicht in erster Linie zu unterhalten. Er verweigert seinem Publikum eingängige Kost, stattdessen treibt er es rücksichtslos an seine Grenzen, testet die Identifikation mit seinen Figuren und wirft wie beiläufig die Frage nach den eigenen Wertungen von "Ästhetik" und historischen Ereignissen auf. Wer sich "Heldenfriedhof" stellt, schärft seinen Sinn für die Macht des Erinnerns.

LEONIE WILD

Thomas Harlan: "Heldenfriedhof". Eichborn Berlin. 577 Seiten, 24,90 Euro.

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