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Romandebüt von Bernt Spiegel : Unter Nazis über den Wolken

Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 machen Deutsche den Hitlergruß. Bild: action press

Bernt Spiegels „Milchbrüder, beide“ wagt sich an einen schweren Stoff: die Haltung des deutschen Volkes im „Dritten Reich“. Solche Einlassungen sind selten geworden.

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          Schwer vorstellbar, dass es in der deutschen Literaturgeschichte schon einmal ein ähnliches Romandebüt gegeben hat. Der Autor steht kurz vor seinem vierundneunzigsten Geburtstag, und sein Buch umfasst mehr als neunhundert Seiten. Acht Jahre lang hat Bernt Spiegel daran geschrieben, und dann hat sich die kleine, renommierte Edition Fototapeta aus Berlin des umfangreichsten Manuskripts in ihrer dreizehnjährigen Verlagsgeschichte angenommen. Die Absage der Leipziger Buchmesse brachte sie und den betagten Autor leider um die Möglichkeit, das Werk angemessen zu präsentieren.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der Titel des Romans lautet „Milchbrüder, beide“. Das ist einigermaßen sperrig, und heute muss man mutmaßlich vielen Menschen erklären, was Milchbrüder überhaupt sind: Söhne unterschiedlicher Eltern, die von derselben Amme gestillt werden (im Regelfall die Mutter eines der Kinder). So ist es auch bei Viktor Zabener und Ludwig Herkommer, beide im Jahr 1915 geboren, Viktor als Sohn eines Industriellen, Ludwig als Nachkomme von dessen Chauffeur. Genährt werden die beiden Einzelkinder von Ludwigs Mutter, und trotz der unterschiedlichen sozialen Herkunft sind sie als Knaben unzertrennlich. Dabei weisen sie gegensätzliche Charaktereigenschaften auf. Über Ludwig heißt es: „Er ist nicht fanatisch. Er kann gar nicht fanatisch sein. Dazu brauchte es ein ganz bestimmtes Feuer, das er nicht hat. Er ist nicht böse. Aber er ist eiskalt.“ Und über Viktor: „Er konnte keinem Tierchen ein Haar krümmen und konnte keinen Menschen enttäuschen.“ Doch bis diese Charakterisierungen erfolgen, nach 160 beziehungsweise 310 Seiten, haben wir uns längst ein eigenes Bild gemacht.

          Bernt Spiegel: „Milchbrüder, beide“. Roman. Edition Fototapeta, Berlin 2020. 928 S., geb., 28,– €.

          Und wir wissen schon, dass Viktor und Ludwig stellvertretend stehen werden für das Verhalten ihres Volks im „Dritten Reich“. Das ist das Thema von „Milchbrüder, beide“: Bernt Spiegel, in seinem Berufsleben ein Marketingpsychologe, versucht sich an einer Phänomenologie. Die Freundschaft der beiden auch am Ende des Kriegs noch jungen Männer bleibt unverbrüchlich, obwohl ihre Wege sich getrennt haben: Ludwig Herkommer macht Karriere in der SS, Viktor Zabener wird Testpilot. Beide arrangieren sich mit dem Nationalsozialismus – Ludwig aus seiner Disposition heraus sorgfältig, aber ohne innere Beteiligung (was ihn zu einem perfiden Experten für Vernehmungen von Gefangenen macht), Viktor wegen seiner Unfähigkeit, jemandem etwas abzuschlagen. Er erreicht derentwegen aber auch die Grenze seines Aufstiegs, als er im Krieg als Kampfflieger eingesetzt werden soll. Wer keinem Tierchen ein Haar krümmen kann, tötet auch keine Menschen.

          Ein aus der Zeit gefallener Wiedergänger

          Spiegel hat seinen Roman in vier Teile gegliedert: zwei schmalere für die Zeit vor 1933 und nach 1945 sowie zwei umfangreichere für das NS-System in Vorkriegs- und Kriegszeit. Es geht streng chronologisch zu im Buch – trotz einiger evokativer Vorausgriffe auf spätere Ereignisse –, aber die Perspektive der auktorialen Erzählstimme wechselt ständig. Nicht nur zwischen Viktor und Ludwig; „Milchbrüder, beide“ ist ungeachtet seines Titels auch ein Gruppenporträt, nämlich des sozialen Umfelds der beiden Protagonisten. Deren Väter spielen eine wichtige Rolle, die Kollegen in den Flieger- und Einsatzgruppen und auch die Mitglieder der mit den Zabeners befreundeten jüdischen Familie Strauss: der Vater Rechtsanwalt, die Tochter – einzige weibliche Hauptperson – eine Geigerin von Weltruf. Ein konkretes historisches Vorbild gibt es hier nicht, während die Figur von Viktors Vater nach dem Vorbild des IG-Farben-Vorstandsmitglieds Carl Wurster gestaltet ist – eines „Wehrwirtschaftsführers“, der nach dem Krieg in den Nürnberger Prozessen freigesprochen wurde.

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