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Neues von Bernhard Schlink : Spannung, durch Kitsch ruiniert

  • -Aktualisiert am

Warum grüßt in Bernhard Schlinks „Der Sommer auf der Insel“ der Fährschiff-Kapitän mit „Moin Moin“ und der Sandburgenbau geht in Doktorspiele über? Bild: EPA

Bernhard Schlink, am Krimi geschulter Bestellerautor, hat einen Erzählband über „Abschiedsfarben“ geschrieben. Aber so zuverlässig er Spannung aufbaut, so zuverlässig zerstört er sie wieder.

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          Man muss hier wohl von einem Konzeptalbum sprechen: So, wie etwa Frank Sinatra mit „In the Wee Small Hours“ eines über die blauen Morgenstunden aufnahm, hat Bernhard Schlink nun eines über „Abschiedsfarben“ geschrieben. Die neun Stücke darauf verhandeln teils dramatische Abschiede, auch vom Leben, und in der Tradition des amerikanischen Showgeschäfts könnte man sie als tearjerker, also Tränenzieher, bezeichnen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Schlink, der mit seinem Roman „Der Vorleser“ sowie zahlreichen Krimis zum Bestsellerautor mit weltweitem Erfolg wurde und der teilweise in New York lebt, hat sich vom amerikanischen Showgeschäft wohl tatsächlich einiges abgeschaut – sowie auch von der Effizienz amerikanischer Kurzgeschichten. Dieser Autor weiß, eben auch am Krimi geschult, wie man früh eine Information streut, die Leser rätseln und somit gespannt weiter folgen lässt: Hatte der ältere Professor, der zu einer auf der Straße erstochenen jungen Frau ein sonderbares Verhältnis pflegte, auch ein Mordmotiv? Was für ein Paar trifft sich da in „Jahrestag“ in einem Restaurant, inspiriert von Raymond Chandler? Was ist es, das die Frau und den Mann, die sich spät im Leben bei einem Konzert in der Philharmonie wiedersehen, in ihrer Jugend nicht hat zusammenkommen und glücklich werden lassen?

          In der betreffenden Geschichte, „Geschwistermusik“, entwirft Bernhard Schlink sehr geschickt eine Konstellation um einen wissbegierigen Schüler aus einfachen Verhältnissen, eine Tochter aus gutem Hause und deren gelähmt im Rollstuhl sitzenden Bruder, die vor dem Abitur ein wunderbares Jahr in jugendlicher Unklarheit der Beziehungen verbringen. Es endet jedoch abrupt und ohne Abschied. Beim unverhofften Wiedersehen nach Jahrzehnten ist die aufgestaute Trauer bei allen so groß wie das Rätsel, warum es so kam. Als die verhinderten Liebenden endlich nachts allein auf einer Terrasse sitzen und sie zu ihm sagt: „Bleib über Nacht“, verbindet sich kriminalistische mit Liebes-Spannung.

          „Auch nackt war sie eine Schönheit“

          Aber so gut Schlink solche aufbauen kann, so zuverlässig ruiniert er sie: „Auch nackt war sie eine Schönheit geblieben, und für einen Moment ging Philip durch den Kopf, ob die Brüste echt waren und ob, was sie sagte, echt war, ob sie wieder ein Spiel mit ihm spielte.“ Aus Schlinks insgesamt einfachem, leicht zugänglichem Erzählen ragen Ansätze der Überromantisierung heraus, die wie aus dem neunzehnten Jahrhundert und somit fremd im modernen Kontext wirken. Und manchmal auch Sätze reinen Kitsches: „Auch als Anna älter und größer wurde, verlosch ihr Licht nicht.“ Hier ist immerhin einzuräumen: Dies sagt ein älterer Professor, dessen Sprechweise und Weltsicht vielleicht entlarvend charakterisiert werden sollen – sieht er doch in dieser Anna nur „blonde Locken, rote Wangen, Lebenslust und Neugier“ und erschnüffelt später an ihr „den unvergleichlichen, unwiederbringlichen Mädchenduft nach Kind und Frau und frischen Früchten, dessen Versprechen einen um den Verstand bringt“.

          Bernhard Schlink: „Abschiedsfarben“. Geschichten. Diogenes Verlag, Zürich 2020. 240 S., geb., 24 Euro.
          Bernhard Schlink: „Abschiedsfarben“. Geschichten. Diogenes Verlag, Zürich 2020. 240 S., geb., 24 Euro. : Bild: Diogenes

          Aber auch die Erzählerfiguren anderer Geschichten aus dem Band neigen zum Kitsch. In „Der Sommer auf der Insel“ grüßt der Fährschiff-Kapitän „Moin Moin“, geht der Sandburgenbau in Doktorspiele über und werden nach dem Abschied Briefe „voller Liebe und Schmerz geschrieben“. Und in der Auftaktgeschichte „Künstliche Intelligenz“, in der ein Mathematiker seinen Freund und Kollegen an die Stasi verraten hat und sich nun vor dessen hinterbliebener Tochter rechtfertigen muss, stören die Stellen, an denen die DDR auf „süßen Rotkäppchen-Sekt“, „bedächtige Kollegen aus der Fabrik“ und „Frauen mit toupierter blonder Haarpracht“ zusammenschnurrt. Der Erzähler spricht dann auch vom „verhaltenen Leben in der DDR, in dem nicht Glanz und Geld, sondern Familie, Freunde, die Wohnung und die Datsche, ein kühnes Buch oder ein schräger Film, der Abend im Theater oder Konzert zählten“. Das ist, selbst wenn man es für ausgestellte Figurenrede hielte, nicht schmeichelhaft.

          Soll es ja womöglich auch nicht sein. Aber dennoch wünschte man sich, es wäre etwas genauer hingeschaut und erzählt worden – zumal die Geschichte des selbstgerechten Mannes, der noch der Tochter seines toten Freundes eine „Lust am Opfergewesen-Sein“ unterstellt, ihrerseits spannend, grundsätzlich gelungen ist und in ihrer Art des Abschieds am Ende überrascht.

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