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Bernd Schroeder „Auf Amerika“ : Einspruch gegen die Dorfautoritäten!

Bild: Verlag

Hochwürden, der Lehrer und das große Geheimnis des Knechts: Bernd Schroeder verabschiedet sich in seinem neuen Roman von seiner Kindheit.

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          Eine Fotografie von Veit hat der Erzähler nicht, und doch trägt er die Erinnerung an seinen Freund aus Kindertagen noch als Erwachsener mit sich herum, als sei der Knecht sein Vater gewesen und nicht ein ganz anderer. Dabei hat es wahrscheinlich niemals ein Foto von Veit gegeben. Wer in einem bayrischen Dorf der Nachkriegszeit hätte auch Anlass gehabt, die Arbeitskraft vom Dorfwirt zu fotografieren?

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicht einmal, dass es ihn überhaupt gegeben hat, ist amtlich dokumentiert. Weder ein Pass noch ein Passfoto hat je existiert. Ihn selbst hat das nie gekümmert. Veit trieb nur eine einzige Sorge um: dass er, der keine Familie hatte, keine Herkunft und keinen Hof im Dorf, wenn er einmal tot wäre, keinen Platz auf dem Friedhof finden würde. „Wenn man nicht sterben könne, nur weil man kein Grab hat, sei das auch kein Zustand.“ So dachte der Veit. Dass es am Ende für den Knecht tatsächlich eine letzte Ruhestätte gab, ist charakteristisch für den an sich versöhnlichen Ton von Bernd Schroeders Dorfgeschichte aus dem Erdinger Moos.

          Die Einzigen, die SPD wählen

          „Auf Amerika“, so der Titel seines neuesten Romans, ist eine Erzählung für all diejenigen, die sich, wie der Autor selbst, mit ungeheurer Anstrengung von der Provinz gelöst haben und nun, da das Land ihrer Kindheit verschwunden ist, dorthin zurückschauen. Anders als Autoren wie etwa Josef Winkler, die das Dorf als Schauplatz der Unterdrückung und der Gewalt zeigen, blickt Schroeder durchaus mit Wehmut zurück. Dass etwas an Wert gewinnt, wenn wir es verlieren, ist eine Erkenntnis seines Romans.

          Schon in seinem Debüt „Versunkenes Land“ hat der 1944 im heutigen Tschechien geborene Schriftsteller seine Erfahrungen als ein in Oberbayern gestrandetes Flüchtlingskind beschrieben. Das Erleben von Fremdsein und Heimischwerden ist auch hier das zentrale Thema. Der Ich-Erzähler, der Seilerbub, der mit Veit, dem Knecht, Freundschaft schließt, ist gleich in mehrfacher Hinsicht beziehungslos im Dorf. Seine Eltern sind nicht von hier, sondern stammen aus Berlin, und er selbst wurde in den letzten Kriegswirren auf der Flucht geboren. Außerdem ist er evangelisch, später stellt sich sogar heraus, dass er ein „Heidenkind“ ist, und seine Eltern sind die Einzigen im Dorf, die SPD wählen. Die Mutter, Tochter aus gutem Berliner Hause, mit Dienstboten, einem Boot auf der Havel und Klavierstunden, wird niemals heimisch unter den Landleuten. Besser schlägt sich dagegen ihr Ehemann, ein hochbegabter Maulheld und Leichtfuß mit ominöser Nazivergangenheit. Seiler senior hat zwar nie studiert, aber als Autodidakt erwarb er so viel Wissen, dass es zum Beeindrucken der Bauern allemal reicht.

          Er schweigt über seine Herkunft

          Ständig auf der Suche nach einträglichen Geschäften, um das Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben seiner Familie aufzubessern, scheitert er indes häufiger, als dass er etwas gewinnt. „Mein Vater redete viel, wenn der Tag lang war und oft auch die Nacht“, heißt es im Buch, „er redete über alles, wusste alles besser als andere und redete über Dinge, von denen er nichts verstand.“ Als Einziger im Dorf aber traut er sich, nicht nur Hochwürden, sondern auch dem Lehrer zu widersprechen. Er verbietet ihm beispielsweise, sein Kind zu schlagen. Manchmal hilft es, manchmal aber auch nicht, und dann prügelt der Lehrer, der in Russland ein Bein verloren hat, auf dem Rücken des „Kommunistenkindes“ seine Wut über die Welt aus.

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