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Bernd-Jürgen Fischer übersetzt Proust : Verbleibe doch, du bist so schön

  • -Aktualisiert am

Bild: Reclam

Vor sechzig Jahren begann Eva Rechel- Mertens das Großwerk einer kompletten Übersetzung von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ins Deutsche. Sie wurde zum Standardwerk. Nun wagt sich Bernd-Jürgen Fischer an eine neue Fassung.

          Im Frankfurter Suhrkamp Verlag erschien 1953 der erste Band des großen Proust-Romans „A la recherche du temps perdu“ in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens. Sie erzählte gern, dass ihr Lehrer Ernst Robert Curtius ihr 1921 ein Buch gegeben habe, „dessen Titel Sie nicht verstehen werden“ - das war eben „Du côté de chez Swann“, dessen Bedeutung sich tatsächlich erst bei der Lektüre erschließt. 2013, genau sechzig Jahre später, erscheint nun eine neue deutsche Übersetzung, der ihr Autor Bernd-Jürgen Fischer, als Autor eines umfangreichen Handbuchs zu Thomas Manns Josephsroman bekannt geworden, mehr als zehn Jahre seines Lebens gewidmet hat.

          Auch wer die Übersetzung von Eva Rechel-Mertens liebt und ihr den literaturhistorisch hohen Rang zuerkennt, der ihr gebührt - Generationen deutscher Leser haben Proust aus den Händen der Rechel-Mertens empfangen -, wird das Vorhaben einer neuen Übersetzung nach so langer Zeit nicht als sakrilegisch verdammen. Auch die beste Übersetzung kann nur eine Annäherung an das Original sein, und solche Annäherungen können aus verschiedenen Richtungen erfolgen und jeweils neue Akzente setzen. Obwohl auch Luzius Keller, der die Rechel-Mertens-Übersetzung zuletzt von manchem Fehler und manchem Missverständnis reinigte, sich vorhalten lassen musste, dass die verbesserten Sätze nun manchmal nicht mehr so schön klangen wie die weniger richtigen der ersten Ausgabe.

          Das endlose Vergnügen des Abwägens

          Keine Untersuchung eines Textes ist so lehrreich wie der Versuch, ihn zu übersetzen; im Grunde handelt es sich beim Übersetzen um die fruchtbarste Methode, Erkenntnisse über die Natur eines Stücks Literatur zu gewinnen - das gilt sogar für die eigene Literatur: In Goethe und Jean Paul eröffnen sich dem Deutschen neue Einsichten, wenn sie in französischer Übersetzung erscheinen. Deutsche Leser von Proust werden also neugierig sein, welche Nuancen eine neue Übersetzung des Meisterwerks herauskitzeln mag. Wo hat der Übersetzer Bernd-Jürgen Fischer ein solches Ungenügen bei der Lektüre der kanonisch gewordenen alten Übersetzung empfunden, dass er sich zu seinem Titanenwerk gezwungen sah?

          Es ist dem Rezensenten unmöglich gewesen, den soeben erschienenen ersten Band „Auf dem Weg zu Swann“ Satz für Satz in der Gründlichkeit zu untersuchen, die eine solche Arbeit verdient. Nicht mehr als ein erster Eindruck soll die Proust-Leser anregen, sich selbst das endlose Vergnügen zu bereiten, das im Abwägen der Möglichkeiten besteht, zu einem wirklichen Äquivalent des französischen Ausdrucks zu gelangen.

          Umständlicher und etwas weniger nah

          Schon der Titel macht aufmerksam. Er kommt dem Original, das wörtlich „Auf Swanns Seite“ heißt, näher als das poetische „In Swanns Welt“ von Eva Rechel-Mertens, und das ist sinnvoll, weil sich die ganze Romanerzählung anhand der beiden Einrichtungen entfaltet, die die Spaziergänge der Familie im ländlichen Combray einschlagen - entweder nach Guermantes oder eben zu Charles Swanns Landhaus. Aber nun will der Leser wissen, wie Fischer den berühmt gewordenen ersten Satz des Romans angeht, Eva Rechel-Mertens „vollkommenes kleines Wiegenlied“. „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“, lautet er bei ihr. Es spricht für Fischers Weisheit, das Gelungene nicht um jeden Preis verbessern zu wollen - er opfert die Gelegenheit, schon mit dem ersten Satz aufzutrumpfen, und bleibt bei Rechel-Mertens.

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