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Berdsenischwilis Memoiren : Zum Olivenhain wird hier der Stacheldraht

Frei waren hier nur die Gedanken: Holzbretterzaun und Stacheldraht am ehemaligen Straflager Perm 36, heute Gulag-Museum Bild: dpa

Zwangsgemeinschaft der Hochbegabten: Lewan Berdsenischwili schreibt mit seinen GULag-Erinnerungen „Heiliges Dunkel“ eine erstaunliche Gefängniskomödie.

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          Den sowjetischen Strafkolonien des GULag haben seine Überlebenden erschütternde literarische Denkmäler gesetzt, wobei russische Autoren wie Alexander Solschenizyn und Warlam Schalamow vor allem die Abgründe psychischer und physischer Entmenschlichung ausleuchteten, ausländische, zumal deutsche Gefangene darüber hinaus das Lagersystem auch als Industrialisierungs- und Gesellschaftsmodell beschrieben. Ein GULag-Genre hat dabei indes gefehlt, das der philosophischen Komödie, wie es dem georgischen Schriftsteller Lewan Berdsenischwili in seinen vor acht Jahren entstandenen Lagererinnerungen „Heiliges Dunkel“ gelang.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dafür dürfte der Umstand, dass der damalige Dissident in den frühen Jahren der Perestrojka, 1984 bis 1987, also in einer vergleichsweise „vegetarischen“ Epoche, einsaß, eine entscheidende Rolle gespielt haben, weshalb Berdsenischwilis jetzt im Mitteldeutschen Verlag herausgekommenen Memoiren, die Christine Hengevoß elegant und präzis aus dem Russischen übersetzt hat, den „Letzten Tagen des Gulag“ gewidmet sind. Doch aus der gütig satirischen Art, mit der der Autor seine Mitgefangenen schildert, und den theaterhaften Szenen, durch die er sie präsentiert, spricht vor allem auch der Stolz eines klassischen Bildungsträgers und georgischen Lebenskünstlers.

          Der georgische Sokrates

          Berdsenischwili, vor 65 Jahren in Batumi am Schwarzen Meer geboren, hat antike Literatur gelehrt, die georgische Nationalbibliothek geleitet, außerdem ist er als Parlamentsmitglied aktiv. Als junger Mann, da die Sowjetunion unter Leonid Breschnew ihre Stabilitäts- und Stagnationsphase durchlebte, gründete er mit seinem Bruder die Republikanische Partei Georgiens, der er bis heute angehört. Dennoch bezeichnet Berdsenischwili jene Zeit, als er Dissident wurde, mit geheimpolizeilichen Bewachern Katz und Maus spielte und schließlich wegen antisowjetischer Umtriebe ins Straflager kam, rückblickend nicht nur als die wichtigste, sondern auch als die „schönste“ seines Lebens.

          Das können am ehesten Anhänger der existentialistischen Philosophie von Merab Mamardaschwili (1930 bis 1990) verstehen, den Berdsenischwili erlebt hat und hoch schätzt, obwohl sein Name in dem Buch nur kurz erwähnt und leider weder in einem Nachwort noch wenigstens einer Anmerkung vorgestellt wird. Dabei ist Mamardaschwilis Bedeutung für eine nicht auf die Nation, sondern auf freie Individuen bauende Emanzipationsbewegung, der auch Berdsenischwili nahesteht, kaum zu überschätzen. Dieser georgische Weltbürger lehrte im Moskau der Breschnew-Zeit den Cartesianismus als Übung in persönlichem Mut. Mamardaschwili wollte die geistigen Anstrengungen eines Descartes auf seine sowjetischen Bedingungen übertragen und fortsetzen. Zugleich betrachtete der „georgische Sokrates“, wie man ihn auch nannte, seine Gesprächspartner als Mitautoren von Gedanken, die nicht ihm gehörten und nicht festgehalten werden konnten, weshalb er kaum Schriftliches hinterließ.

          Versammelte Brillanz

          Im Straflager von Baraschewo in Mordowien, wo damals viele Dissidenten und vor fünf Jahren die Punkfeministin Nadja Tolokonnikowa einsaß, scheint Berdsenischwili jenes widrige Milieu gefunden zu haben, in dem sich Gedankenfreiheit und moralische Stärke beweisen. Von den vierzehn Mithäftlingen, die er porträtiert, zerbrechen einige. Ein ukrainischer Jude wird durch vier Monate Karzer dazu gebracht, im sowjetischen Staatsfernsehen in der Hauptnachrichtensendung „Wremja“ den Staat Israel, seine jüdischen Mithäftlinge und sogar sich selbst zu beschimpfen. Ein beschränkter Dorfbewohner aus Weißrussland, der einsitzt, weil ihn als Kind im Zweiten Weltkrieg deutsche Besatzer zum Hilfspolizisten machten, flüchtet sich in Phantasiegeschichten von Heldentaten als Panzerfahrer. Die meisten jedoch brillieren durch Bildung, Unabhängigkeit, ingenieurtechnische oder musikalische Talente. Die Staatssicherheit hat, wie sie es auch heute wieder tut, eine Elite versammelt – die zumal mit den kleinlich sadistischen Wachleuten kontrastiert, aber auch mit dem späteren liberalen Perestrojka-Innenminister Vadim Bakatin, der als Provinz-KP-Chef die kriminellen Häftlinge vor den politischen explizit bevorzugt.

          Zu diesen gehört der georgische Geologe und Zahlenvirtuose Georgi Chomisuri, der dem hohen Besucher Bakatin erwidert, die Bolschewiken seien ja selbst kriminell, wofür er in den Karzer kommt. Oder der für Georgiens Unabhängigkeit eintretende Taxifahrer Jonny Laschkarischwili, der sich in die schöne, aber gemeine Zensorin der Gefängnispost verliebt. Vielen Sowjetbürgern galt das extrovertierte Georgien mit seiner theatralischen und kulinarischen Kultur als „unser“ Italien, während das karge Armenien und das tragische Naturell seiner Bewohner ihnen eher „spanisch“ vorkam. Den Gegensatz verkörpert der ernste Begründer der armenischen Helsinki-Gruppe, Rafik Papajan, ein Lieblingsheld von Berdsenischwili. Papajan, der im Lager einen Ventilator, eine Präzisionswaage und eine Knoblauchpresse konstruierte, ist ein Inbegriff armenischer Handwerksmeisterschaft, aber auch ein Sparsamkeitsfanatiker, der alle Georgier für Verschwender hält.

          Hier diskutiert die Elite: Lewan Berdsenischwilis Memoiren „Heiliges Dunkel“

          Erkenntnisgewinn durch Differenzen

          Unter den politischen Häftlingen sind auch überzeugte Kommunisten: der armenischstämmige Luftwaffenmajor Genrich Altunjan, der sich zum Eurokommunismus bekehrte und später im heimatlichen Charkow für die Orange Revolution in der Ukraine, aber auch für die Rechte der Krimtataren eintrat, oder der Stalinist Alexej Razlatsky, der zu Ehren des „Völkervaters“ einen Schnurrbart trägt und Stalins Lieblingslied „Suliko“ in exquisitem Georgisch singt. Razlatsky sitzt ein, weil er der Sowjetunion den Untergang infolge von Verbürgerlichung voraussagte. Der Stalinverehrer versteht sich als Schüler des Sokrates, den er als Kommunisten betrachtet, weil der Philosoph das Privateigentum abgelehnt und sich für Sklaven, also die damalige Arbeiterklasse, eingesetzt habe.

          Ihre Sternstunden erlebt diese Zwangsgemeinschaft der Hochbegabten denn auch bei sokratischen Dialogen, bei denen die Dissidenten ihre Differenzen für den Erkenntnisgewinn nutzen, weshalb sie von Mamardaschwili-Freunden zur Institution gemacht werden. Dabei erklären die Debattanten die sie umgebenden Stacheldrahtzäune zu Olivenhainen, die Wachtürme zu Tempeln, die mitdiskutierenden Häftlinge zur Agora. Und die Zone verwandelt sich in eine Bühne für die dialektische Wahrheits- und Zukunftssuche. Da erklärt der ukrainische Philosoph Juri Badzjo, ein stiller Meister des Hungerstreiks, warum der Staat politische Parteien finanzieren solle. Da disputieren der russische Universalgelehrte Vadim Jankow und der ukrainische Sozialdemokrat Friedrich Anadenko, wie sich Karl Popper und sein Ideal der offenen Gesellschaft zu Marx’ Klassenlogik verhalten. Oder Berdsenischwili, dessen Name auf Georgisch „Sohn des Griechen“ bedeutet, kann den brillanten Jankow davon überzeugen, dass die georgische Vorspeise Saziwi – gekochtes Huhn in Nusssauce – das beste Gericht der Welt sei. Das hungrige Publikum dieses Replikenballetts soll danach in Tränen ausgebrochen sein.

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