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Benjamin von Stuckrad-Barre: Auch Deutsche unter den Opfern : Pfefferminz für Christiansen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Der angry young man schießt wieder um sich: In seiner zweiten Reportagensammlung sucht Benjamin von Stuckrad-Barre neues Terrain für seine entlarvend-genaue Oberflächenanalyse und seziert Politiker und Medienmenschen.

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          Der Hass auf das Verlogene kann umwerfend charmant sein. Als die Band Tocotronic 1995 in ihrem Lied „Freiburg“ Tanztheater und Fahrradfahrer hasste, machte sie das umgehend zu den angry young men des Pop - weil man sich ertappt fühlte in der eigenen Milieubehaglichkeit und gleichzeitig verstanden in seinem individualistischen Abgrenzungsstreben. Eigentlich hatte man nirgendwo dazugehören wollen; doch dass die Gefahr der „Verbrüderung“ auch am studentischen Fahrradständer lauerte, darauf war man nicht gekommen.

          Auch die Literatur jener Jahre entdeckte diesen originellen und wenig pathetischen Weltekel für sich. Die Gesellschaftskritik des Pop bestand darin, die Insignien des eigenen Milieus richtig zu erkennen und aufzuzählen: Anhand von Kleidungsmarken, Bands und genau abgelauschter Umgangssprache entlarvte sie jugendliche Identifikationsmechanismen, ohne sie zu verraten. Involviert war diese Form der Kritik und hatte doch ein gebrochenes Verhältnis zum Eigenen. Christian Kracht zog die Barbourjacke ans Licht des milieusensiblen Bewusstseins, und Benjamin von Stuckrad-Barre entlarvte die Codes von Musikmixkassetten. Doch das Prinzip erschöpfte sich bald, die anfangs fast schmerzhafte Selbstbespiegelung wurde affirmativ, und die young men waren nicht mehr angry.

          Stuckrad-Barre suchte sich daraufhin neues Terrain für jene entlarvend-genaue Oberflächenanalyse, die er mit großem Talent an der eigenen jugendlichen Konsumkultur erprobt hatte. Die Reportagensammlung „Deutsches Theater“ von 2001, in der er seinem unerbittlichen Blick erstmals Prominente aussetzte, hat nun mit dem Band „Auch Deutsche unter den Opfern“ eine Fortsetzung gefunden. Stuckrad-Barre führt die déformation professionnelle von Politikern und Medienmenschen vor Augen. Doch wer sich solch vielbeschossene Zielscheiben von Spott und Kritik zum Gegenstand wählt, sollte einen höheren Anspruch an die eigene Entblößungsarbeit haben, als er hier sichtbar wird.

          Stuckrad-Barre schwimmt müde und nicht einmal richtig zornig im Mainstream herum und kritisiert, was jeder kritisiert. So hetzt im Eröffnungstext Sabine Christiansen durch eine übervolle Sendung zum Thema „Entschleunigung“, und als wäre der Widerspruch nicht ersichtlich genug, schluckt sie nach Verkündung des Themas auch noch „atemlos“ den Rest ihres Pfefferminzbonbons herunter. Stuckrad-Barre traut dem Leser wenig zu; vom Kalauerzwang getrieben, kommentiert er jede Schwäche seines Gegenübers. Ein so genauer Blick auf Gesten, wie Stuckrad-Barre ihn hat, ist aber immer bereits Kritik und kann auf zusätzliche Kommentierung gut verzichten.

          Eine Bloßstellung ohne Sinn für die Melancholie hinter dem öffentlichen Rollenspiel wird schnell zynisch. Gelungener sind deshalb die Texte, in denen der Autor seinen entlarvenden Blick auch auf sich selbst richtet: Als sich Stuckrad- Barre auf einer Lesung von Günter Grass mehrfach in die Diskussion einschaltet, würgt der ihn herablassend ab. Die Beschreibung der Peinlichkeit seines Scheiterns vor dem sich verbrüdernden Publikum macht all die vorherigen Grass-Spitzen überflüssig. Hier blitzt kurz etwas auf vom berechtigten Hass auf die Fahrradfahrer.

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