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Oasen gibt es nur inmitten von Wüsten: Nebel über Liechtensteins Bergen. Bild: dpa

Roman „Für immer die Alpen“ : Aus Ställen wurden Finanzinstitute

  • -Aktualisiert am

Steuerflucht, Geldwäsche und krumme Deals im Fürstentum Liechtenstein: Benjamin Quaderers lakonischer Schelmen-Thriller „Für immer die Alpen“ legt eine Steueroase trocken.

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          „Johann wird ein sparsamer Mensch sein“, sprach die Hebamme, „der durch harte Arbeit zu viel Geld kommen wird.“ Sprach’s, geschah’s. Und das kam so: Johann Kaiser wächst in einem Liechtensteiner Waisenhaus auf. Die spanische Mamá, die dem Vater einst ins Fürstentum gefolgt war, hat die Familie nach einem Ehestreit über das Frauenwahlrecht verlassen. Es wird gemunkelt, sie habe sich der Revolution in Lateinamerika angeschlossen. Der Vater, ein trinkender Fotograf, hat kein Interesse an seinen Kindern und setzt diese deshalb kurzerhand aus.

          Im Kinderheim angekommen, wird Johann von der Leiterin der Einrichtung seelisch gequält. Auch die Beziehung zu seinen älteren Zwillingsschwestern ist belastet. Gleich nach Johanns Geburt wollen sie das Baby mit einem Kissen ersticken: „Alfred stand vor mir und hielt in jeder Hand zwei Zöpfe, an denen er die schreienden Zwillinge von mir wegzog wie tollwütige Hunde. Ich schloss die Augen und zählte bis dreißig. In dieser Welt gab es nichts, was mich hielt.“

          O doch! Es gibt sie, die positive weibliche Gegenfigur in Johanns Leben. Niemand Geringeres als Fürstin Gina ist es, die den Jungen seit ihrer Begegnung beim Kirschmarmeladenkauf protegiert. Sie wird es sein, die ihn unter die fürstlichen Fittiche nimmt und mehr verwöhnt als ihren eigenen Sohn. Der Thronfolger Hans-Adam wird nach dem Ableben der Fürstin noch eine entscheidende Rolle spielen in dieser Steueroasenoperette des literarischen Debütanten Benjamin Quaderer.

          Viele Wendungen und unerhörte Begebenheiten

          Es ist ein Buch, mit dem man einige Zeit fremdelt, weil es mit heiterer Drastik eine Waisenhausgeschichte auftischt, die man kein bisschen glaubt. Dann aber entfaltet „Für immer die Alpen“ unaufhaltsam die Sogkraft eines Thrillers. Diese Transformation von der postmodernen Pikareske (inklusive Fußnotenüberschuss, Schwärzungen, Rötungen und Auslassungen) hin zum Steuerfahndungskrimi ist unerwartet. Und virtuos.

          Benjamin Quaderer: „Für immer die Alpen“. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2020. 592 S., geb., 22,– €.

          Johann Kaiser nimmt seine Leser mit auf eine Reise rund um den Globus. Zunächst mit einem entwendeten Moped über die Alpen in Richtung Barcelona, wo er sich auf die Suche nach Mamá begibt. Dort angekommen, gelingt es ihm, durch Lügen in der Millionärskinderschule von Barcelona unterzukommen. Als angeblicher Erbe der Liechtensteiner Bohrmaschinendynastie Hilti verschafft er sich Zugang zu den höchsten Kreisen. Abends verkehrt er im Umfeld einer literarischen Avantgardegruppe. Aus dem Kreis der (mexikanischen) Infrarealisten steckt der 2003 in Barcelona verstorbene Exil-Chilene Roberto Bolaño – zwinker, zwinker – seinen Wuschelkopf zu uns heraus.

          Das Buch hat nun so viele Wendungen und unerhörte Begebenheiten, dass selbst sein Autor die Lust an ihrer Nachverfolgung verliert. Mordlustige Schwestern, fürstliche Matriarchinnen, ergreifende Slow-Sex-Szenen: All das will man nicht umsonst gelesen haben. Wichtig für den Fortgang der Geschichte ist aber ein Ereignis, das den Irrungen des jungen Helden – und damit auch dem Buch – endlich eine Richtung gibt.

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