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: Bei Kluge bin ich eingeschlafen

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Sarah Kirsch ist glücklich. Sie lebt mit ihren Katzen im alten Schulhaus von Tielenhemme an der Eider im schleswig-holsteinischen Kreis Dithmarschen und verbringt ihre Tage mit Wetterbeobachtungen, Vogelfüttern und Spaziergängen, mit viel Lektüre und klassischer Musik, mit Fernsehen, gelegentlichen ...

          Sarah Kirsch ist glücklich. Sie lebt mit ihren Katzen im alten Schulhaus von Tielenhemme an der Eider im schleswig-holsteinischen Kreis Dithmarschen und verbringt ihre Tage mit Wetterbeobachtungen, Vogelfüttern und Spaziergängen, mit viel Lektüre und klassischer Musik, mit Fernsehen, gelegentlichen Besorgungen - die Katzen brauchen Katzenfutter, und sie selbst braucht eine neue Brille - und damit, das alles aufzuschreiben: "Ich halte es gut aus ohne 'ne Stadt, selbst ohne Berlin komme ich klar. Hier ist es besser, ein Anblick von Sonne und Mond macht alles wett oder der Wind nun ums Haus. Tut den Nerven sehr gut den Tand nicht zu seh'n. Entbehre alles voller Lust, ooch die Akademie selbst noch die Opern. Ich sitz hier in meine Bäume in Wind und Wetter und bin es mehr als zufrieden. Tägliche Anfälle von Glückseligkeit da kannst du mal sehen."

          Ihre Tagebuchaufzeichnungen über die Zeit vom 1. September 2003 bis zum 18. Februar 2004 hat sie nun zu dem Buch "Regenkatze" zusammengefügt, das ganz und gar unwichtig und irrelevant ist und doch wunderbar, völlig belanglos, aber bedeutungsreich. Wie kommt das?

          Es hängt - wie könnte es anders sein - mit der Art dieser Notate zusammen, mit Sarah Kirschs Kunst, dem Subjektiven, ja Privaten durch Stilisierung eine eigentümliche, mitteilenswerte Form zu geben. Sie hat sich zu diesem Zweck eine eigene Sprache erfunden, eine unsägliche Mixtur aus Umgangs- und Hochsprache, mehreren Dialekten, englischen Sprachbrocken, Schnodder-Jargon, Redensarten und Neologismen, dargeboten nicht selten in künstlich altertümlicher Schreibweise und mit lässiger Handhabung der Regeln der Orthographie, Interpunktion und Grammatik. Das gibt dem Tagebuch den Charakter eines durchgängigen Sprachspiels mit Oberflächenreizen, die oft vom Jux und dem Kalauer ausgehen; doch nicht selten erweisen sich die Scherze, die scheinbaren Harmlosigkeiten und gespielten Naivitäten als absichtsvoll in Szene gesetzte, bedeutungsvolle Kunstgriffe mit hintergründiger Finesse.

          So schreibt Sarah Kirsch beispielsweise, um ihr Glück von Tielenhemme zu charakterisieren: "Lesen ist so schön. Schreiben ist so schön. Draußen brauset der Sturm." Beides, das Innen und das Außen, wird gleichermaßen wahrgenommen. Die Weltereignisse und die privaten Tätigkeiten der Jahre 2003 und 2004 schließen gewissermaßen Brüderschaft miteinander. Von den eingeschlossenen russischen Bergarbeitern ist die Rede und von den Bombendrohungen in Frankfurt, von der chinesischen Weltraumrakete und vom Krieg im Irak, von Bushs Truppenbesuchen und von Putins Wahlmanipulationen, von den Wahlen in Georgien und von der Jagd auf Saddam Hussein: "So sieht es aus auf der Welt." Unmittelbar daneben aber stehen die tagesalltäglichen Notizen; da wird die Treppe gekehrt und vom Schnee befreit, da werden die Katzen mit einer Glocke zurück ins Haus geläutet, es wird über die eingetroffene Post, über Spaziergänge ("spazoren durch den Nebul zu den Azoren") und den Sohn Moritz berichtet, der zu Besuch kommt. Und es wird, ebenso begeistert wie respektlos, über die Lektüre räsoniert.

          Sie liest alles durcheinander: "Harry Potter" ("Der 3. Band war der schönste") und Flauberts Briefwechsel mit den Brüdern Goncourt, Kempowskis "Letzte Grüße" und die Briefe des Dadaisten Hugo Ball, Jürgen Eggebrechts Kindheitserinnerungen "Vaters Haus. Huldigung der nördlichen Stämme" ("einfach zum Küssen") und - immer wieder - Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Sie gibt sich, "völlig gefesselt", einer wahren "Prousterey" hin.

          Sehr viel schlechter kommt die deutsche Gegenwartsliteratur weg. So heißt es etwa über Alexander Kluge, als dieser den Büchnerpreis erhielt: "Bei allen möglichen Versuchen etwas von ihm zu lesen bin ich injeschlafen." Das damals "neueste Buch vom Nobelpreisträger", Günter Grass' "Letzte Tänze", erscheint Sarah Kirsch gar als "Grusel-Horror-Trip mit Lithographien. Muss ich mir trauen das uffzuschlagen. Hab wat gelesen, diese sog. Gedichte sind grauenvoll. Und Reich-Ranicki schwärmt davon." Sie ihrerseits fügt dieser Bewertung fast drohend hinzu: "Ich seh wie ein Adeler mit meine neuen Augengläser!"

          Diesem Raubvogelblick werden auch Christoph Hein mit seinem Roman "Landnahme" ("Scheint allet furztrocken zu sint"), Fritz J. Raddatz' "Unruhestifter" ("literarischer Kwalm") und ganz besonders "Frau Lupus", also Christa Wolf, ausgesetzt, deren Buch "Ein Tag im Jahr" sie geradezu empört: "Also ich sach mir die hat sie nicht alle, und solche Volkshochschulbetrachtungen über allet, was es so giebt. Fürchterlich kleinkariert, man wird ganz dämlich im Köppi, sieht aber, wie sie sich alles zurechtbaut. Weg mit dem fürchterlichen Buch."

          Da spielt und unterhält sie sich doch allemal lieber mit Emily, ihrer Katze. Ihr gelten die letzten Worte des Tagebuchs: "Bin herrlich über die Geest getrudelt mit meinem kleinen silbernen Auto. Fuhr sich herrlich in der alten Sonne, und als ich hier einbog, saß die Emily im Fenster und winkte mit der Pfote wie ne japanische Katze. Das bringt wahnsinnich viel Glück."

          WULF SEGEBRECHT

          Sarah Kirsch: "Regenkatze". Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 144 S., geb., 16,95 [Euro].

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