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Puschkin-Erzählung : Bei dieser Nachricht fällt die Braut in Ohnmacht

  • -Aktualisiert am

Alexander Puschkin Bild: Getty

Die Geschichte eines Kindertausch, der Folgen hat: Alexander Puschkins Novelle „Ibrahim und Zar Peter der Große“ ist wieder zu entdecken.

          4 Min.

          Was für ein Glück, dass der Mutterverlag Matthes & Seitz Bücher aus dem alten Programm der Friedenauer Presse wieder druckt. Zwar hat es den Titel „Ibrahim und Zar Peter der Große“ nie gegeben, aber aus dem kleingedruckten Zusatz wird ersichtlich, dass es dasselbe kleine Meisterwerk ist, das der 2013 verstorbene Peter Urban aus dem Russischen übersetzt hat: „Vormals ‚Der Mohr Peters des Großen‘“. Für Alexander Puschkin (nennen wir endlich den Autor!) klang das heute unbequeme Wort „Mohr“ keinesfalls herablassend, sondern stolz, genauso wie das im Text originalgetreu beibehaltene Wort „Neger“.

          Der russische Afrikaner

          Puschkins Urgroßvater war ein Schwarzafrikaner, der als Kind, vermutlich als Geschenk des türkischen Sultans, an den Hof Peters I. gelangte. Der Zar wurde zu seinem Paten und sorgte für seine Ausbildung. Aus dem ausgesprochen klugen Jungen wurde ein General und Wissenschaftler. Erst im zwanzigsten Jahrhundert stieß man in Archiven auf Spuren seines Bruders, der „nur“ Musiker in einem Militärorchester wurde und unbekannt blieb, weil er keinen genialen Urenkel hatte.

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          Puschkins Roman ist schnell erzählt: Der russische Afrikaner am französischen Hof zur Zeit der Regentschaft des Herzogs von Orléans ist glücklich in die Gräfin D. verliebt. Sie gebiert ein schwarzes Baby, das man gegen ein weißes austauscht und an Pflegeeltern gibt, sodass der Graf D. ahnungslos bleibt und mit Vaterstolz erfüllt wird. Ehrgeiz und Pflicht rufen Ibrahim zurück zu den grandiosen Plänen des reformwütigen Zaren. In Sankt Petersburg erreichen ihn Gerüchte von Gräfin D.s Untreue. Er ist zutiefst verletzt, dafür aber steht der von dem Zaren geplanten Einheirat Ibrahims in ein altes Adelsgeschlecht nichts mehr im Wege. Die sechzehnjährige Braut liebt bereits einen anderen und fällt bei der Nachricht in Ohnmacht.

          Die Unfreiheit der Frauen

          Die Unfreiheit der Frauen ist eines der großen Themen nicht nur in den russischen Kapiteln, wo es noch ganz patriarchal zugeht. Auch die Gräfin D. hat mit siebzehn den ungeliebten Grafen D. heiraten müssen. Der Petersburger Teil sollte sich spiegelverkehrt zum Pariser Abenteuer verhalten, blieb aber leider unvollendet. Der Roman bricht an einer spannenden Szene ab und lädt zu Eigenfantasie ein. Spoiler: Nach mündlicher Überlieferung von Puschkins Plänen sollte Ibrahims junge Gemahlin ein weißes Kind bekommen.

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          Für Puschkin war der Afrikaner keine Kuriosität aus dem achtzehnten Jahrhundert, sondern eine Identifikationsfigur. „Die Gräfin nahm Ibrahim höflich auf, doch ohne jede besondere Aufmerksamkeit; das schmeichelte ihm. Gewöhnlich betrachtete man den jungen Neger wie ein Wunder, überschüttete ihn mit Fragen, und diese Neugierde, obgleich unter der Miene des Wohlwollens verborgen, kränkte seine Eitelkeit.“ Klingt das für uns nicht vertraut? Auch wir sprechen davon, wie lästig wohlgemeinte Aufmerksamkeit und Komplimente wie „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ sind, egal, ob man durch das Aussehen oder den Akzent auffällt (auch die Rezensentin wurde neulich dafür bewundert, dass sie das Wort „Quitten“ kennt). Vielleicht ist der 1827 geschriebene „Mohr“ eines der allerersten literarischen Zeugnisse von solchen falschen Lagen.

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