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Kazuo Ishiguros Erzählungen : Wo Schmalz und Tränen fließen

Bild: Verlag

Bekannte Karrieren, gefälschte Gefühle: Kazuo Ishiguros erster Erzählungsband kennt die Tücken des Talents und das Gift der musikalischen Gabe.

          Es gibt Kochrezepte, die man vielleicht besser nicht nachkochen sollte. Hier ist eines: Man nimmt einen Kochtopf mittlerer Größe, füllt ihn mit einem halben Liter Wasser sowie zwei Brühwürfeln. Dazu kommen ein Teelöffel Kreuzkümmel, ein Esslöffel Paprika, zwei Esslöffel Essig und ein ordentlicher Schwung Lorbeerblätter. Bevor man das Ganze aufkocht, um es dann leise vor sich hin köcheln zu lassen, gibt man noch einen alten Schuh hinein, wobei sorgsam darauf zu achten ist, dass die Sohle, falls sie aus Gummi sein sollte, keinesfalls mitgekocht wird.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          In der Variante eines gewissen Tony Barton gehören noch Nacktschnecken dazu, aber die sind entbehrlich, wenn es nur darum geht, den gewünschten Effekt zu erzielen. Er besteht darin, dass die gesamte Wohnung, wenn die Brühe nur lange genug geköchelt hat, von einem intensiven Hundegeruch durchzogen wird. Das Rezept findet sich in einem Buch, in dem es den Angaben des deutschen Verlages zufolge vor allem darum geht, zu zeigen, „wie die Musik imstande ist, Menschen zusamenzubringen, die sich sonst nie begegnet wären“.

          Tücken des Talents

          Die fünf Erzählungen, die der englische Booker-Preisträger Kazuo Ishiguro unter dem deutschen Titel „Bei Anbruch der Nacht“ zusammengefügt hat, handeln tatsächlich von der Musik. Aber sie berichten eher davon, wie Musik die Menschen auseinanderbringen kann. Sie erzählen vom langsamen Abstieg eines Stars und von der endlosen Durststrecke des ewigen Talents, das sich mit Studioaufträgen durchschlägt und den Glauben an die große Solokarriere längst aufgegeben hat. Sie erzählen von den Tücken des Talents und dem Gift der musikalischen Gabe. Sie beschreiben die Opfer, die nötig sind, um nach oben zu kommen, und die Enttäuschung, die einsetzt, wenn sie vergeblich waren. Und sie machen deutlich, dass Musik zwar noch immer der Liebe Nahrung sein kann, aber dass die Umkehrung von Shakespeares schönem Satz in der Regel nicht lange funktioniert: Die Musik stillt mit der Liebe allenfalls ihren ersten Appetit. Danach nährt sie sich von Mühsal, Schweiß und Illusionen.

          In der fünften und letzten Erzählung des Bandes lernt ein Cellist aus Osteuropa eine Amerikanerin kennen. Die nicht mehr ganz junge Frau, offenbar eine Cellovirtuosin von Format, spricht den jungen Musiker nach einem seiner äußerst schlecht besuchten Konzerte an. Rasch etabliert sich ein Verhältnis, das an Uneindeutigkeit nicht zu überbieten ist: Hier sind zwei Seelenverwandte und Schicksalsgenossen aufeinandergestoßen, zwei Auserwählte, zwei Ausnahmemusiker, wie sie nur selten geboren werden, aber zugleich auch zwei eitle Träumer auf der Flucht vor den wahren Verhältnissen.

          Virtuosen der Selbstvermarktung

          Woran mag es liegen, dass die erfahrene Lehrerin, als die sie sich dem jungen Mann andient, nie selbst zum Instrument greift? Wovor ist die Virtuosin in die norditalienische Hafenstadt geflohen, hat sie keine Verpflichtungen, keine Konzerttermine? Oder sind ihre wahren Interessen womöglich erotischer Natur? Ishiguro lässt all dies lange in der Schwebe. Sein Erzähler ist, wie bereits in der ersten Geschichte, Mitglied eines Kaffeehausorchesters, ein musikalischer Handwerker also, der tagaus tagein sein touristentaugliches Repertoire herunterschrammeln muss, solange die Saison andauert.

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