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: Bambusschweigen

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Die Idee, eine Familiensaga koreanischer Emigranten über vier Generationen im gerne homogen gedachten Japan zu schreiben, ist an sich ehrenwert. Nach der japanischen Annexion Koreas 1910 kamen Tausende Koreaner zur Arbeitssuche nach Japan, wo sie meist unterbezahlte Tätigkeiten verrichteten. Als ...

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          Die Idee, eine Familiensaga koreanischer Emigranten über vier Generationen im gerne homogen gedachten Japan zu schreiben, ist an sich ehrenwert. Nach der japanischen Annexion Koreas 1910 kamen Tausende Koreaner zur Arbeitssuche nach Japan, wo sie meist unterbezahlte Tätigkeiten verrichteten. Als sich infolge des Kantô-Erdbebens 1923 in Tokio eine Feuersbrunst ausbreitete, wurden Koreaner des Feuerlegens verdächtigt. Bei den folgenden Pogromen kamen über sechstausend von ihnen ums Leben.

          Mitten im Inferno setzt der schmale Roman "Tsubame", zu deutsch "Die Schwalben", der französisch schreibenden Japanokanadierin Aki Shimazaki ein. Nach der Flucht aus der bebenden und brennenden Stadt wächst ein koreanisches Mädchen getrennt von der verschollenen Mutter im Schutz eines christlichen Waisenheimes auf, wo es einen japanischen Namen erhält. Vom gefälschten Familienregister bis zur Einheirat in einen japanischen Haushalt erzählt das Buch Marikos Emigrantenschicksal als Geschichte der Assimilierung und Identitätsverleugnung sogar vor der eigenen Familie.

          Die Autorin, die bereits im Vorgängerroman "Tsubaki" (Kamelie) an das sensible Genre der Atombombenliteratur der sechziger Jahre anknüpfte, scheint in den Krisen und Katastrophen des Jahrhunderts ein belletristisches Betätigungsfeld zu entdecken, um moralische oder soziale Themen wie beispielsweise die Minderheitenproblematik zu diskutieren. Doch jenseits des Betroffenheitsgestus werden die beruflichen und rechtlichen Probleme der über 600000 heute in Japan lebenden Koreaner hier nur am Rand erwähnt, werden die Mechanismen der Ausgrenzung und die kolonialgeschichtlichen Wurzeln der Diskriminierung nur oberflächlich beleuchtet.

          Die Sprache wird der Reichweite des Stoffes und der Macht der Elemente bei der Beschreibung des Bebens selten gerecht. Das leitmotivische Spiel mit dem Schweigen, Verschweigen und Identitätsverlust schlägt sich in einer schmucklosen Sprache und einer knappen Psychologisierung der Figuren nieder, die sich als ebenso schal entpuppen wie die wohl als exotisch verstandene Symbolsprache der Blüten oder Bambuswälder.

          Die vielversprechende Strategie, den Gedächtnisverlust und die Lebenslüge Marikos durch unbedarfte Fragen der Nichte, also der unbeteiligten dritten Generation, aufzulösen, wird nicht ausgereizt. Auch wenn sich das Buch gegen Ende stilistisch und inhaltlich etwas steigert in einer retrospektiven Entwirrung der historischen Ereignisse und Identitäten, so fällt es immer wieder ins Melodramatische zurück, wenn etwa Mariko das Tagebuch der verschollenen Mutter als einziger Vertrauter ihres Lebenstraumas verbrennt.

          STEFFEN GNAM.

          Aki Shimazaki: "Tsubame". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Bernd Wilczek. Verlag Antje Kunstmann, München 2004. 120 S., geb., 14,90 [Euro].

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