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: Ausweitung der hysterogenen Zone

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Da ist Marie Curie, die berühmte Forscherin; sie lebt im Paris des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts zusammen mit Blanche Wittman, ihrer Assistentin, die einst die "Königin der Hysterikerinnen" in der Pariser Irrenanstalt Salpêtrière war. Blanche hilft Marie, das Radium aus der Pechblende zu ...

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          Da ist Marie Curie, die berühmte Forscherin; sie lebt im Paris des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts zusammen mit Blanche Wittman, ihrer Assistentin, die einst die "Königin der Hysterikerinnen" in der Pariser Irrenanstalt Salpêtrière war. Blanche hilft Marie, das Radium aus der Pechblende zu isolieren, und sie wird von der gefährlichen Strahlung des "blauen Lichts" erfaßt; nach und nach werden ihr die Beine und der linke Arm amputiert. Marie läßt für Blanche einen Karren bauen, in dem die "beschnittene" Freundin sich fortbewegen kann.

          Dieser "Torso in der Kiste" hat noch seine rechte Hand, um schreiben zu können: "Amor Omnia Vincit", das (umgestellte) Vergil-Zitat, steht auf dem Deckel einer braunen Mappe mit drei Notizbüchern von ihr, die das gelbe, das schwarze und das rote "Fragebuch" heißen und von Blanche und Marie handeln. "Die Liebe überwindet alles, als Arbeitshypothese, oder innerster Schmerzpunkt", so endet der erste Absatz des Romans, ein verstümmelter Satz ist das. Ein verstörend schöner Text beginnt, dessen Verfasser einige Seiten weiter bekennt: "Man kann auch sagen: Der Punkt, von dem aus wir die Erzählung betrachten, ist ein Torso." Wir also.

          Nach erzählerischen, historischen Romanen wie dem "Besuch des Leibarztes" und "Lewis Reise" hat Enquist jetzt "Das Buch von Blanche und Marie" geschrieben. Raffiniert kleidet es sich in den Mantel geschichtlich verbürgter Ereignisse, bis in die Nennung genauer Daten hinein. Es kommt im Gewand der Realität, doch es ist ein Vexierspiel. Enquist oszilliert zwischen einer Geschichte und einer Form, die den Fortgang des Erzählens so in Fetzen reißt, wie er es zuvor nur in seinem grausam-zarten Buch "Gestürzter Engel" vor zwanzig Jahren tat. Wie dort umkreist Enquist, getrieben vom Wiederholungszwang, den innersten Punkt seiner Sehnsucht, den er niemals berühren kann, die vollkommene Vereinigung von Agape und Eros, das uneinholbar Reale der Liebe.

          Beginnen wir mit dem Faßbaren in diesem Buch, das so fassungslos macht: Diese Menschen hat es alle gegeben. Da ist Marie Curie, die polnische Naturwissenschaftlerin, die zweimal den Nobelpreis erhielt, 1911 den für ihre Entdeckung des Radiums. Im selben Jahr brachte sie die nationalistische französische Presse im Nachklang zur Dreyfus-Affäre gegen sich auf, weil sie, die Ausländerin und vielleicht Jüdin, nach dem Tod ihres Mannes eine glühende Leidenschaft mit ihrem verheirateten Kollegen Paul Langevin verband, der sie indessen, als der Aufruhr anschwoll, fallenließ. Da ist Jean-Martin Charcot, seit 1862 Direktor der Salpêtrière in Paris. Seine hypnotische Methode brachte ein Krankheitsbild der Hysterie zum Vorschein, das er in spektakelhaften Vorlesungen, die gesellschaftliche und wissenschaftliche Höhepunkte vor der Jahrhundertwende waren, an seinen Patientinnen öffentlich demonstrierte und das mit seinem Tod im Jahr 1893 erstarb, um in Freuds Lehre, anders, aufzuerstehen.

          Und da ist Blanche Wittman, die Figur, der Enquist die "Fragebücher" zuschreibt; auch Blanche hat existiert, niemals allerdings ihre Tagebücher. Sie ist in einem Gemälde André Brouillets, "Une leçon de clinique à la Salpêtrière" von 1887, dargestellt, dem Zentrum von Enquists Imagination: mit gelöstem Mieder gesunken in die Arme eines Assistenten, zurückgebogen in hoher Anmut vor einem animierten Publikum aus Männern. Sie war, neben "Augustine", hysterisches Lieblingsmannequin unter Charcot. Von Augustine weiß man, daß sie eines Tages in Männerkleidern aus der Salpêtrière auf Nimmerwiedersehen verschwand; aber Augustine ist Enquist zu grob. Er braucht eine aus dem "Schloß der Frauen", an die sich seine Wünsche ankristallisieren können. Von Blanche Wittmans Schicksal, nachdem sie die Salpêtrière verließ, weiß man gar nichts. Gewiß aber hat sie niemals mit Marie Curie gearbeitet, und wohl auch nicht in einem anderen radiologischen Labor.

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