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Ausstellung : Wäre Heinrich von Kleist Offizier der SS gewesen?

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Umschlag, Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas, Leipzig, Bibliographisches Institut 1942, Soldatenbücherei des Oberkommandos der Wehrmacht Abt. Inland, Band 39, Illustration: Karl Stratil Bild: Ausstellung

„Was für ein Kerl ist doch dieser Kleist gewesen!“, notierte Goebbels in seinem Tagebuch. Eine Doppelausstellung in Neuhardenberg und Frankfurt an der Oder dokumentiert die Vereinnahmung Heinrich von Kleists im „Dritten Reich“.

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          Die Abiturfrage im Fach Deutsch lautete im Jahre 1944 in Schleswig-Holstein: „Hätte H. v. Kleist auch Selbstmord begangen, wenn er SS-Offizier gewesen wäre?“ Es ist schwer zu ermessen, wie Schüler auf diese Aufgabe reagierten, und noch schwerer, die politisch damals korrekte Antwort zu erahnen. Erwartete man einen Rückgriff auf den kanonisch gewordenen „Katechismus der Deutschen“, der 1939 in einer eigens entworfenen, ,heidnischen' „Kleist-Fraktur“ erschien? Oder sollten Unterrichtsinhalte vom bedingungslos für das Vaterland kämpfenden und zum Sterben bereiten Prinzen von Homburg, von Kohlhaas als Austräger von Hitlers „Notwehr“-Doktrin oder von Hermann als rachsüchtigem Verteidiger Germaniens auf den Dichter angewendet werden?

          Kleist hat es der Nachwelt nicht sonderlich schwer gemacht, seine Werke ideologisch zu instrumentalisieren. Den geistigen und oft geistlosen Missbrauch im Nationalsozialismus dokumentiert jetzt eine Ausstellung, die einen emphatischen Tagebucheintrag Joseph Goebbels' nach einem Homburg-Abend 1941 als Titel nutzt: „Was für ein Kerl ist doch dieser Kleist gewesen!“ Die Schau ist auf zwei Häuser verteilt: Im Schloss Neuhardenberg kann man den umfangreichen Hauptteil besichtigen, der im Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder auf Schautafeln gespiegelt und um Dokumente zur rapiden Gleichschaltung der Kleist-Gesellschaft ergänzt wird.

          Vernachlässigtes Museum

          Bernd Kaufmann, der Generalbevollmächtigte der schmucken Schlossstiftung, versäumte in seinen Eröffnungsworten nicht, das damit verbundene Politikum eindringlich zu benennen: Das eigentlich zuständige Museum am Geburtsort des Dichters ist derart vom Bund vernachlässigt, dass es neben der ständigen Ausstellung keine Spielräume für Präsentationen hat. Noch wäre Zeit, den dringend benötigten Anbau bis zum Kleist-Jahr 2011 fertigzustellen, um den peinlichen Eindruck mangelnden Interesses an dem im Ausland meistgespielten deutschen Dramatiker abzuwenden.

          Plakat, Amphitryon - Aus den Wolken kommt das Glück, 1935
          Plakat, Amphitryon - Aus den Wolken kommt das Glück, 1935 : Bild: Ausstellung

          So öffnet das Hardenbergsche Anwesen großzügig die Bühne für ein ebenso wichtiges wie schwieriges Thema und macht damit etwas von jener Kaltschnäuzigkeit des einstigen Hausherrn und Staatskanzlers Fürst von Hardenberg wieder gut, der eine Vorschussbitte Kleists am Tag nach dessen Tod mit der Notiz abtat: „Zu den Acten, da der p. v. Kleist 21.11.11. nicht mehr lebt.“ Kleist, vernarrt in die Idee, dass ihm „auf Erden nicht zu helfen war“, hilft diese Ausstellung ungemein zur Verteidigung gegen abwegige Vereinnahmungen im „Dritten Reich“.

          „Nein, wir sind Germanen“

          Dass diese nicht nur von dumpfen Ideologen und einfältigen Paukern betrieben wurden, sondern auch von anerkannten Wissenschaftlern und Schriftstellern, macht die Sache prekär. So rief etwa der Kleist-Herausgeber Georg Minde-Pouet Kleist sogleich als „Klassiker des national-sozialistischen Deutschland“ aus und nötigte schon 1934 den Mitgliedern der von ihm geführten Kleist-Gesellschaft eine hier ausgestellte Ehrenerklärung ab, keine jüdischen Wurzeln zu besitzen und keiner Freimaurerloge anzugehören. Elisabeth Frenzel lastet 1940 in ihrer Dissertation über „Judengestalten auf der deutschen Bühne“ jüdischen Dramatikern die Verdrängung Kleists vom Theater an.

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