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: Aus morgen wird nichts

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Steff weiß, wie es läuft. Mit ihren laut Poesiealbumeintrag 119,3 Kilogramm nimmt sie das ganze Gewicht jugendlicher Ängste und Sorgen locker auf ihre breiten Schultern. Zweimal ist sie sitzengeblieben und ihren Mitschülern der neunten Klasse des Heisenberg-Gymnasiums in Pinneberg nicht nur in der körperlichen Entwicklung voraus.

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          Steff weiß, wie es läuft. Mit ihren laut Poesiealbumeintrag 119,3 Kilogramm nimmt sie das ganze Gewicht jugendlicher Ängste und Sorgen locker auf ihre breiten Schultern. Zweimal ist sie sitzengeblieben und ihren Mitschülern der neunten Klasse des Heisenberg-Gymnasiums in Pinneberg nicht nur in der körperlichen Entwicklung voraus. Sie hat "es" schon oft getan, und so manchem ihrer Mitschüler reicht sie hilfreich die Hand über die Schwelle sexueller Erfahrung, die in diesem Alter die Klasse spaltet. Im Putzmittelraum treibt sie es mit Sven, dem großsprecherischen Klassenschönsten, und in der großen Pause nimmt sie sich jene zur Brust, die noch im Affenkäfig ihrer Pubertätskrisen gefangen sind: "Schnuckel, nimm dich später in acht vor Frauen, die ihre Männer immer noch Jungs nennen: Da ist was faul."

          Doch diese Steff, die die Komplexe und Schwachstellen ihrer Klassenkameraden mit unfehlbarem Röntgenblick durchschaut, die hinter dem Wehrmachtsfimmel des Angebers die Angst des Farbenblinden vor der Ausmusterung wittert, die hinter der Blüte des Klassenschwarms schon das frühe Verwelken ahnt, aber sich ihrerseits von keiner Spitze über ihr Körpergewicht aus der Fassung bringen läßt, hat doch selbst einen unter der Schlagfertigkeitsrüstung versteckten wunden Punkt: Die Familiengeschichte der Halbwaisen ist von einem dunklen Geheimnis überschattet. Als schadenfrohe Mitschüler dem auf die Schliche kommen, macht "heavy Steff", wie die Abi-Band sie viel später besingen wird, ihrem Leben ein Ende. Das war 1982.

          Jens Behse, der Erzähler und die Hauptfigur von Marcus Jensens zweitem Roman "Oberland", ist zu diesem Zeitpunkt längst tot. Er starb Ende 1989 mit 22 Jahren und kehrt danach als Wiedergänger in seine Kindheit und Jugend zurück. Noch einmal durchlebt er jenes annus mirabilis 1982, "die extreme Verlängerung von Jungsein im weitesten Sinne, den letzten Zeitpunkt, zu dem Jugend nicht die Vorbereitung auf Job und Familie war". Er weiß immer schon, was passieren wird: daß der Anführer Rudi mit Hauptschulabschluß abgehen und mit Ach und Krach eine Lehre machen, der schöne Falk erst nach dem Abi sein coming-out haben und in der Hamburger Schwulenszene glücklich werden wird. Aber auch, daß die Zeit der entfesselten Graffiti-Sprayer erst noch kommt und daß Nena im nächsten Jahr ihren Siegeszug durch die Hitparaden antritt. Und daß Steff die erste und einzige Liebe seines Lebens werden wird.

          Besser: Gewesen sein wird. Denn da die Zukunft für diesen Jens Behse immer schon Vergangenheit ist, ist das Futur II treffender. Jensen errichtet seine ambitionierte Romankonstruktion um ein schlichtes Gedankenspiel herum: Wie wäre es, sein Leben noch einmal zu durchleben, mit dem ganzen Wissen des Späteren (soweit man sich zum Zeitpunkt des Todes noch daran erinnert)? Wie würde das eigene Leben aussehen - sub specie aeternitatis, unter dem coolen Blickwinkel der Ewigkeit betrachtet? Diese Pubertätsphantasie, sich selbst beim Leben, beim Lieben und Leiden von außen zuzuschauen, wird hier zum Narrationsprinzip. Literatur als Nahtoderfahrung: Der Erzähler schwebt über dem OP-Tisch, während dort an seinem offenen Herzen herumgeschnitten wird.

          Marcus Jensen ist wie seine Hauptfigur 1967 geboren und in Pinneberg aufgewachsen. So trägt dieser Roman natürlich autobiographische Züge und ist als Porträt von Jens/Jensens Generation angelegt, die meist nach einer Automarke benannt wird. Auch finden sich alle gängigen Accessoires aus den Erinnerungsbüchern und den Achtziger-Jahre-Shows: Raumschiff Enterprise und Yps-Heft mit Gimmick, Neue Deutsche Welle und Anti-Atomkraft-Sticker, Geodreieck und Poesiealbum beschwören jene Zeit plastisch herauf. Wenn Jensen eine Schülerfete mit Songs von "Ideal" und Joachim Witt überblendet, nimmt er die Archivfunktion der Popliteratur - nach Moritz Baßlers These - auf und führt sie zugleich ad absurdum. So verlangt Jens von seinen Mitschülern, daß sie die Texte auswendig lernen, um sie bei einer eventuellen Wiederkehr aus dem Jenseits zitierfähig parat zu haben: Das eigene Leben wird gleich durch die Brille des späteren Chronisten wahrgenommen. Indem Jensen die Grundsituation des Autobiographen - sich selbst in Beziehung zu einem früheren Ich zu setzen und sich der Kontinuität des Lebens erzählend zu versichern - als Plot in die Erzählung einführt, revitalisiert er den Pop-Roman als metaphysischen Thriller. Die Unmittelbarkeit der Lebensgeschichte verbindet sich mit philosophischer Spekulation und bricht deren verkopfte Abstraktheit in den Spintisierereien der Pubertät.

          So schlägt Jens, erst durch Steffs beherzte Intervention vom belächelten "Lulatsch" zum Wortführer aufgestiegen, die Mitschüler durch wüste Theorien über die Wiedergeburt in den Bann, über ein Stadium nach dem Tod, in dem man zu Meilensteinen des Lebenswegs zurückkehrt. Wer sich darauf schon zu Lebzeiten vorbereiten will, kann sich allerdings leicht in den Möbiusbändern logischer Paradoxien verheddern. Auch ist Jens die treibende Kraft hinter einem Tischerücken der Clique, an dem sogar die vermeintlich aufgeklärten Lehrer teilnehmen. Doch ausgerechnet in der entscheidenden Sitzung fehlt Jens, der allein die Botschaft des wandernden Glases deuten könnte: Denn sie verkündet die Zahl der Stunden, die er noch zu leben hat.

          Der Roman besteht aus drei Teilen. Der erste spielt 1973, während eines Familienurlaubs auf Helgoland, den der damals erst fünfjährige Jens später vergessen hat. So muß der wiedergeborene Beobachter seiner selbst die näheren Umstände wie ein notgelandeter Außerirdischer erst einmal herausfinden. Schuld daran ist ein pubertärer Denkfehler: "Ich unterentwickelter Ahnungsloser werde mich gründlich verrechnen, werde denken, mein Leben könne gar nicht vor 1980 beginnen." Während dem Erzähler, unterstützt durch einige untote Begleiter aus dem Jenseits, wichtige Zusammenhänge seiner Lebenshandlung plötzlich klar werden, wird das Dunkel um den Leser dichter, der erst bei einer abermaligen Lektüre manche Anspielungen und Reflexionen des Beginns verstehen kann. Im langen Mittelteil springt der Roman ins neunte Schuljahr, um schließlich im Epilog die Zeit vor Jens' Tod zu erzählen: Als Zivi in einem Hamburger Krankenhaus pflegt er jene Oma Kerber aus Helgoland, bei der die Familie '73 Urlaub machte und die auf überraschende Weise mit Steffs Schicksal verbunden ist.

          Der ganze Roman läßt sich als eine Kreisbewegung um die "Zeitblase" der Pubertät verstehen, in der Jens gefangen ist wie auf dem "Insel-Alcatraz" Helgoland. Der Selbstmord der Freundin ist das zentrale Ereignis, das ihn in die Wiederholungsschleife zwingt. Auf vielfältige Weise spiegeln sich die drei Zeitebenen ineinander: Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen ist das gleichwinklige Dreieck der Mathestunde; die sommersprossigen Zwillinge auf Helgoland sind das nicht totzukriegende Papageienpärchen der Eltern; die Sprengung 1947 auf Helgoland entspricht den Explosionen der uralten, aber noch funktionierenden Weltkriegshandgranaten der beiden anderen Teile. Das "eins, zwei, drei, vier, fünf" ihrer Zündung durchzieht Jens Behses Leben wie die Refrains der früh verunglückten Schlagersängerin. "Du liest im Roman die letzte Seite, um zu sehen, wer überlebt, was?" fragt Steff einmal. Bei Jensen weiß man von Anfang an, wer stirbt, doch kommt es gerade darauf nicht an.

          Kein Wunder, daß der Zahlen- und Zeichenfanatiker Jensen sich von der Jahrtausendwende so sehr faszinieren ließ, daß er in seinem Romandebüt "Red Rain" (1999) die Apokalypse auf das Millennium datierte. Schon dieser trendige Berlin-Roman um einen gedoubelten Medizinmann, der die Polit-Prominenz der Hauptstadt mit Heilsvisionen beglücken soll, war voller zynischer Esoterik- und New-Age-Satire. In "Oberland" nun bekommt der Intimitätszwang der Achtundsechziger ebenso sein Fett weg wie ihre synkretistischen Jenseitslehren, die die behauptete Aufgeklärtheit im mystischen Geschwafel konterkarieren. Diese haßerfüllte Abrechnung mit der Generation der Eltern und Lehrer gehört eher zu den Schwachpunkten des Buchs, dem hier Kürzungen nicht geschadet hätten.

          Stärker ist dagegen die oft unausgesprochene Verknüpfung mit den Schatten der NS-Zeit, die ebenfalls zombiehaft fortdauert: Schon Helgoland ist ein symbolischer Ort, wo die Spuren der Vergangenheit in einem gewaltigen Krater sichtbar sind. Die frühen achtziger Jahre mit ihrer Parka-Mode, den faschistoiden Wave-Gesängen, dem latent militaristischen Jugendjargon ("Volle Granate!") - all das verbindet sich zu einem Fundament des Verdrängten, das die friedensdemonstrative Fassade auf unheimliche Weise immer wieder durchdringt. So wenn die Neutronenbombe in den Gesprächen der Eltern schon über dem Hamburger Rathausmarkt zu hängen scheint, die Bombentoten des Zweiten Weltkriegs dagegen, die noch Steffs Mutter traumatisierten, kein Thema sind.

          Jensens Roman ist auch ein Rückblick auf einen heute sehr fremden, neurotischen Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Genauso weit weg wirkt die fatalistische Fixierung auf den Atom-Tod und das wohlige Suhlen in Suizidgedanken: "Aus morgen wird nichts", so läßt Steff gleich zu Beginn einem Verehrer ausrichten. Jens scheint den Tod zu suchen, um sich für immer in der eigenen Vergangenheit aufhalten zu dürfen - ein Privileg, das außer dem Zombie nur der erinnernde Autor genießt. Zugleich offenbart sich darin der Selbsthaß der geburtenstarken Jahrgänge, die ahnen, "von einer interessanteren Jugend irgendwann als geschlossener Block der Ödnis empfunden zu werden". Doch die Vorstellung, in der eigenen Generationskohorte wie in einem Gefängnis zu stecken, ist selbst historisch bedingt.

          Nach Heraklit steigt niemand zweimal in denselben Fluß. Wer sein Leben noch einmal lebt, hätte ein anderes Leben. Mit Büchern ist es nicht anders. Jensens hochintelligenter Roman hat mit dem Leben gemein, daß man ihn beim ersten Durchgang nicht ganz versteht. Doch ist hier gewiß, daß es ein zweites Mal geben kann.

          Marcus Jensen: "Oberland". Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2004. 506 S., geb., 24,90 [Euro].

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