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: Aus morgen wird nichts

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Der ganze Roman läßt sich als eine Kreisbewegung um die "Zeitblase" der Pubertät verstehen, in der Jens gefangen ist wie auf dem "Insel-Alcatraz" Helgoland. Der Selbstmord der Freundin ist das zentrale Ereignis, das ihn in die Wiederholungsschleife zwingt. Auf vielfältige Weise spiegeln sich die drei Zeitebenen ineinander: Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen ist das gleichwinklige Dreieck der Mathestunde; die sommersprossigen Zwillinge auf Helgoland sind das nicht totzukriegende Papageienpärchen der Eltern; die Sprengung 1947 auf Helgoland entspricht den Explosionen der uralten, aber noch funktionierenden Weltkriegshandgranaten der beiden anderen Teile. Das "eins, zwei, drei, vier, fünf" ihrer Zündung durchzieht Jens Behses Leben wie die Refrains der früh verunglückten Schlagersängerin. "Du liest im Roman die letzte Seite, um zu sehen, wer überlebt, was?" fragt Steff einmal. Bei Jensen weiß man von Anfang an, wer stirbt, doch kommt es gerade darauf nicht an.

Kein Wunder, daß der Zahlen- und Zeichenfanatiker Jensen sich von der Jahrtausendwende so sehr faszinieren ließ, daß er in seinem Romandebüt "Red Rain" (1999) die Apokalypse auf das Millennium datierte. Schon dieser trendige Berlin-Roman um einen gedoubelten Medizinmann, der die Polit-Prominenz der Hauptstadt mit Heilsvisionen beglücken soll, war voller zynischer Esoterik- und New-Age-Satire. In "Oberland" nun bekommt der Intimitätszwang der Achtundsechziger ebenso sein Fett weg wie ihre synkretistischen Jenseitslehren, die die behauptete Aufgeklärtheit im mystischen Geschwafel konterkarieren. Diese haßerfüllte Abrechnung mit der Generation der Eltern und Lehrer gehört eher zu den Schwachpunkten des Buchs, dem hier Kürzungen nicht geschadet hätten.

Stärker ist dagegen die oft unausgesprochene Verknüpfung mit den Schatten der NS-Zeit, die ebenfalls zombiehaft fortdauert: Schon Helgoland ist ein symbolischer Ort, wo die Spuren der Vergangenheit in einem gewaltigen Krater sichtbar sind. Die frühen achtziger Jahre mit ihrer Parka-Mode, den faschistoiden Wave-Gesängen, dem latent militaristischen Jugendjargon ("Volle Granate!") - all das verbindet sich zu einem Fundament des Verdrängten, das die friedensdemonstrative Fassade auf unheimliche Weise immer wieder durchdringt. So wenn die Neutronenbombe in den Gesprächen der Eltern schon über dem Hamburger Rathausmarkt zu hängen scheint, die Bombentoten des Zweiten Weltkriegs dagegen, die noch Steffs Mutter traumatisierten, kein Thema sind.

Jensens Roman ist auch ein Rückblick auf einen heute sehr fremden, neurotischen Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Genauso weit weg wirkt die fatalistische Fixierung auf den Atom-Tod und das wohlige Suhlen in Suizidgedanken: "Aus morgen wird nichts", so läßt Steff gleich zu Beginn einem Verehrer ausrichten. Jens scheint den Tod zu suchen, um sich für immer in der eigenen Vergangenheit aufhalten zu dürfen - ein Privileg, das außer dem Zombie nur der erinnernde Autor genießt. Zugleich offenbart sich darin der Selbsthaß der geburtenstarken Jahrgänge, die ahnen, "von einer interessanteren Jugend irgendwann als geschlossener Block der Ödnis empfunden zu werden". Doch die Vorstellung, in der eigenen Generationskohorte wie in einem Gefängnis zu stecken, ist selbst historisch bedingt.

Nach Heraklit steigt niemand zweimal in denselben Fluß. Wer sein Leben noch einmal lebt, hätte ein anderes Leben. Mit Büchern ist es nicht anders. Jensens hochintelligenter Roman hat mit dem Leben gemein, daß man ihn beim ersten Durchgang nicht ganz versteht. Doch ist hier gewiß, daß es ein zweites Mal geben kann.

Marcus Jensen: "Oberland". Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2004. 506 S., geb., 24,90 [Euro].

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