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: Aus morgen wird nichts

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Marcus Jensen ist wie seine Hauptfigur 1967 geboren und in Pinneberg aufgewachsen. So trägt dieser Roman natürlich autobiographische Züge und ist als Porträt von Jens/Jensens Generation angelegt, die meist nach einer Automarke benannt wird. Auch finden sich alle gängigen Accessoires aus den Erinnerungsbüchern und den Achtziger-Jahre-Shows: Raumschiff Enterprise und Yps-Heft mit Gimmick, Neue Deutsche Welle und Anti-Atomkraft-Sticker, Geodreieck und Poesiealbum beschwören jene Zeit plastisch herauf. Wenn Jensen eine Schülerfete mit Songs von "Ideal" und Joachim Witt überblendet, nimmt er die Archivfunktion der Popliteratur - nach Moritz Baßlers These - auf und führt sie zugleich ad absurdum. So verlangt Jens von seinen Mitschülern, daß sie die Texte auswendig lernen, um sie bei einer eventuellen Wiederkehr aus dem Jenseits zitierfähig parat zu haben: Das eigene Leben wird gleich durch die Brille des späteren Chronisten wahrgenommen. Indem Jensen die Grundsituation des Autobiographen - sich selbst in Beziehung zu einem früheren Ich zu setzen und sich der Kontinuität des Lebens erzählend zu versichern - als Plot in die Erzählung einführt, revitalisiert er den Pop-Roman als metaphysischen Thriller. Die Unmittelbarkeit der Lebensgeschichte verbindet sich mit philosophischer Spekulation und bricht deren verkopfte Abstraktheit in den Spintisierereien der Pubertät.

So schlägt Jens, erst durch Steffs beherzte Intervention vom belächelten "Lulatsch" zum Wortführer aufgestiegen, die Mitschüler durch wüste Theorien über die Wiedergeburt in den Bann, über ein Stadium nach dem Tod, in dem man zu Meilensteinen des Lebenswegs zurückkehrt. Wer sich darauf schon zu Lebzeiten vorbereiten will, kann sich allerdings leicht in den Möbiusbändern logischer Paradoxien verheddern. Auch ist Jens die treibende Kraft hinter einem Tischerücken der Clique, an dem sogar die vermeintlich aufgeklärten Lehrer teilnehmen. Doch ausgerechnet in der entscheidenden Sitzung fehlt Jens, der allein die Botschaft des wandernden Glases deuten könnte: Denn sie verkündet die Zahl der Stunden, die er noch zu leben hat.

Der Roman besteht aus drei Teilen. Der erste spielt 1973, während eines Familienurlaubs auf Helgoland, den der damals erst fünfjährige Jens später vergessen hat. So muß der wiedergeborene Beobachter seiner selbst die näheren Umstände wie ein notgelandeter Außerirdischer erst einmal herausfinden. Schuld daran ist ein pubertärer Denkfehler: "Ich unterentwickelter Ahnungsloser werde mich gründlich verrechnen, werde denken, mein Leben könne gar nicht vor 1980 beginnen." Während dem Erzähler, unterstützt durch einige untote Begleiter aus dem Jenseits, wichtige Zusammenhänge seiner Lebenshandlung plötzlich klar werden, wird das Dunkel um den Leser dichter, der erst bei einer abermaligen Lektüre manche Anspielungen und Reflexionen des Beginns verstehen kann. Im langen Mittelteil springt der Roman ins neunte Schuljahr, um schließlich im Epilog die Zeit vor Jens' Tod zu erzählen: Als Zivi in einem Hamburger Krankenhaus pflegt er jene Oma Kerber aus Helgoland, bei der die Familie '73 Urlaub machte und die auf überraschende Weise mit Steffs Schicksal verbunden ist.

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