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: Aus einem Totenhaus

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Ob sie mein blaues Auge niederzog? / Sie ließ vom Zweig sich auf die Stirn mir nieder, / Schritt abwärts, bis sie um den Hals mir bog, / Ein fein Geschmeide, ruhend, ihre Glieder. // Ich hielt mich reglos und mit lindem Druck / Fühlt ich den leisen Puls am Halse schlagen; / Das war der einzige und schönste Schmuck, / Den ich in meinem Leben je getragen.

Bei Dieckmann liest sich die Kulminationsstelle so: Vor Rashids Augen wurde aus dem Meergrün ein helles Holzbraun. Die Eidechse verschmolz mit der Bretterwand. Sie rührte sich nicht. Es war ein Zauber, und er galt ihm.

Eine zweite Insel handelt vom Paradies, nämlich dem Dschihad. Es ist eine Erzählung über die heutige Realität. Die der ewigen Stadt Damaskus. Die irgendeiner Stadt im Orient. Jeder, der ihn bereist hat, wird seine Suks erkennen. Nach einem Selbstmordversuch deliriert sich Rashid in die Erzählung eines Propheten hinein, die manchen Gesichten seiner Reise von Alt-Delhi nach Peshawar aufs Haar gleicht:

Im Halbschatten blinkt es wie Glühlämpchen hinter den Scheiben von Spielautomaten. Von hier ist er aufgebrochen. Wo er gelegen hat, spielen Sonnenflecken auf farbigen Flächen: ein Mosaik aus Musikkassetten, ein Teppich bunter, an senkrechten Leinen nebeneinandergeklammerter Heftchen und lauter bewegliche Wände aus bedruckten Tüchern. Verstecke, Hinterhalte, Kulissen voller Rufe und Gelächter und stampfender Radiotrommelschläge, um die sich - denn selbstverständlich g i b t es die Huri des Paradieses - eine schmelzende Frauenstimme windet. Beine und Rümpfe bewegen sich zwischen den hängenden Bahnen, die sich erst im letzten Moment vor ihm teilen und die Köpfe freigeben, Stirnen unter gewickeltem Stoff, straff gespanntem Stoff, Augenschlitze, Bärte.

Das ist einer der schönsten Kunstgriffe Dieckmanns, daß das Paradies für den jungen Mann zur Gegenwart wird. Die selbstverständlich, nimmt einer sie jetzt noch an, in den Kampf leiten muß. Mit allen bitteren Konsequenzen, zu denen am Ende des Weges für Hunderte Menschen Guantánamo gehört.

Ich könnte noch seitenlang von diesem Buch berichten. Auch von dem Gedanken: Was wäre denn, hätte der Roman nicht von einem Unschuldigen, sondern von jemandem gesprochen, der tatsächlich terroristischen Aktivitäten zugearbeitet hat? - Der Befund, er ist völlig derselbe. Genau das leistet diese Kunst, nimmt auch dann Partei: Verbrechen sind nicht mit Verbrechen zu ahnden.

Nicht zuletzt deshalb wird dieses Buch bleiben. Es ist selbstverständlich Gesang, ja, denn das ist Dichtung. Ein Gesang, der den Schmerz in Poesie verwandelt. Damit man sich ihm stellen kann. Damit man ihn nicht aus Notwehr vergißt. Nicht vergißt, was Menschen Menschen immer noch antun können. In diesem Jahrhundert tun es Menschen aus den Vereinigten Staaten, vertreten durch ihr Militär. Diese Narbe, singt der Roman, das singt Rashid, wird dieser Nation so wenig verheilen wie uns die Narbe des Völkermords.

Dorothea Dieckmann: "Guantánamo". Klett-Cotta 2004. 160 Seiten. 16 Euro.

Der letzte Roman von Alban Nikolai Herbst, "Meere", der im letzten Jahr erschien, ist zur Zeit verboten. Neue Texte finden Sie unter www.albannikolaiherbst.de.

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