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: Aus den Winkeln von Wingham wuchs Weltliteratur

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Der Sommer 1941 beschert der Farmerfamilie Laidlaw aus der tiefsten kanadischen Provinz erstmals nennenswerten Wohlstand - dank einer Geschäftsidee der Mutter. Bisher hatte ihr Mann die selbstgezüchteten Fuchspelze an die Großhändler in Montreal geliefert, war damit finanziell aber nie auf den grünen Zweig gekommen.

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          Der Sommer 1941 beschert der Farmerfamilie Laidlaw aus der tiefsten kanadischen Provinz erstmals nennenswerten Wohlstand - dank einer Geschäftsidee der Mutter. Bisher hatte ihr Mann die selbstgezüchteten Fuchspelze an die Großhändler in Montreal geliefert, war damit finanziell aber nie auf den grünen Zweig gekommen. Ann Laidlaw, eine Frau um die Vierzig, setzt nun energisch auf Selbstvermarktung. Zum Lake Muskoka, einige hundert Meilen vom heimatlichen Wingham entfernt, strömen amerikanische Touristen in Scharen. In einem Hotel am See eröffnet Mrs. Laidlaw kurzerhand einen Verkaufsstand: "Silberfuchs, der kanadische Luxus", steht auf dem Schild, mit dem sie die Kunden lockt. Das Geschäft läuft bestens.

          Den Sommertriumph der Mutter schildert die nun siebenundsiebzig Jahre alte Autorin Alice Munro in der Mitte ihres jüngsten Buchs. "Wozu wollen Sie das wissen?" versammelt elf Episoden aus der Familiengeschichte der Laidlaws vom Ende des siebzehnten Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart. Neu im Werk dieser geduldigen Chronistin des Alltags und des einfachen Lebens ist dabei das Ausgreifen in die ferne Vergangenheit und ins alte Europa: Der erste Laidlaw, von dem es mythenumrankte Kunde gibt, ist William, ein Schäfer und Alkoholschmuggler aus dem schottischen Hochland, geboren 1695. Mehr als hundert Jahre später steht dessen Nachfahr James auf den Zinnen der Burg von Edinburgh und macht seinem kleinen Sohn weis, er könne von hier aus bis ins gelobte Amerika schauen - nicht minder eine Schlüsselszene des Buchs als die gleich folgende Überfahrt nach Quebec, aus der Alice Munro ein atmosphärisches Glanzstück macht. Neu ist auch die unverhüllt biographische und autobiographische Perspektive. In den bisher zehn Erzählbänden, die seit Beginn der achtziger Jahre auf Deutsch erschienen sind, haben die fast ausnahmslos weiblichen Hauptfiguren viele Rollen erprobt, um reale Erlebnisse und Erfahrungen der Autorin in erfundene Begebenheiten und Wahrheiten zu verwandeln. "In der Anlage autobiographisch, nicht aber in den Details": So hat Alice Munro einst ihre Prosa "Kleine Aussichten" (1971, deutsch 1983) charakterisiert - die Formel gilt für große Teile des inzwischen imposanten Werks.

          Der Schlüssel zu diesem Werk heißt Treue. Gleich der deutsche Debütband "Das Bettlermädchen" von 1981 spielte in der Kleinstadt Hanratty in der Provinz Ontario, in "Kleine Aussichten" hieß der Flecken Jubilee, in "Offene Geheimnisse" (1996) Carstairs. In Varianten war es immer das Dreitausend-Seelen-Nest Wingham. Fast immer war es Toronto, das einen Ausweg aus der Enge verhieß, fast immer machte sich eine Frau auf den Weg ins vermeintlich Freie und Offene, weg vom Dauerzwist mit Mutter oder Stiefmutter, weg aus einer erstarrten Ehe, weg von der Familie auf der Farm am Rande des Städtchens. Mit der Autorin durften die Figuren wachsen, reifer werden, also auch älter. Wie die Autorin kehrten sie ein ums andere Mal in ein realfiktives Wingham zurück, wunderten sich aufs Neue über den Stillstand oder passten sich ihm nun ganz bewusst an.

          Es ist eine Literatur des Privaten, die darüber entstand, ein Erzählkosmos, in dem Weltereignisse bestenfalls eine Rolle am Rand spielen und Politik überhaupt keine. Sehr konkret geht es in den Geschichten der Munro zu, zugleich wirken sie, Jahreszahlen hin oder her, zeitlos, genauer: zeitenthoben gegenwärtig. Sehnsüchtig nach Liebe, süchtig nach Sex sind die Stadt-und Landheldinnen all dieser Bücher, Kinder schließen sie sowenig aus wie berufliche Karrieren, nach beidem aber streben sie niemals verbissen. Dass solche Motiv- und Thementreue nicht eintönig wurde, verdankt sich dem ganz unangestrengten, auch deshalb unwiderstehlichen Stil dieser Autorin und einer Erzähltechnik, der vierzig, fünfzig Seiten genügen, um epische Fülle eben nicht bloß zu suggerieren, sondern zu beglaubigen. So wurde aus Winghams Winkeln Weltliteratur. Ob ihrer ganz und gar naturwüchsig erscheinenden, in Wahrheit hochraffinierten Artistik findet Alice Munro mit ihre größten Bewunderer unter Kollegen und Konkurrenten - Richard Ford rühmt sie, Jonathan Franzen singt ihr Hymnen, Bernhard Schlink gerät ins Schwärmen, von Judith Hermann wird sie als Vorbild verehrt.

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