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August Strindberg: Unter französischen Bauern : Wie war die Ernte dieses Jahr?

  • -Aktualisiert am

Bild: Eichborn Verlag

August Strindberg als Reporter ist eine Entdeckung. Im Jahr 1886 reiste der ruhelose Literat mit der Eisenbahn quer durch ganz Frankreich. Seine Etappenberichte gehören zum Reizvollsten, was es an Alltagsbeschreibungen des Landlebens aus jener Zeit gibt.

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          Wir wussten es nicht oder hatten es vergessen: Neben Gott war auch August Strindberg in Frankreich. Nicht in der „douce France“ der Gutgelaunten mit den belebten Städten und den alten Schlössern in weiten Landschaften. Die Bauern, bei denen der Schwede mit seinem Notizblock sich aufhielt, waren aber kaum weniger Fiktion als jenes Bilderbuch-Frankreich. Nur etwas herber, knorriger, eigensinniger. Oder vielmehr: Sie waren Statisten, vielleicht Verbündete von Strindbergs eigenem Eigensinn. Das macht aus diesem Buch eine Sache, die wie geschaffen ist für Eichborns „andere“ Bibliothek. Sie ist mit nichts sonst vergleichbar und ihrem Inhalt nach auf seltsame Weise wahr-fingiert. Wer je für Frankreich, für das Bauerntum oder für Strindberg empfänglich war, gibt diesen Band nicht so schnell wieder aus der Hand.

          Der ruhelose Literat konnte in jenen Jahren der Heimvölkerkunde, der aufkommenden Sozialspannungen, des Naturalismus und der illustrierten Reiseberichte offenbar gar nicht anders, als dem Ruf der Fakten zu folgen. Weg vom Roman, hin zur Reportage. Frankreichs Bauern, unter denen er in einem Dorf südwestlich von Paris 1883 selbst eine Zeitlang gelebt hatte, wurden für ihn zugleich Gegenstand und Projektionsfläche seines Vorhabens. „Sehen Sie nun, dass hinter der Arbeiterfrage die Bauernfrage liegt?“ - sagt in einer hinzuerfundenen Einleitungsszene des Buchs auf dem Montmartre ein Pariser zum Besucher aus Nordeuropa, der auf der Stelle beschließt, hinauszugehen aufs Land und sich die Situation dort selbst anzuschauen. Er ist der Überzeugung, dass entgegen den landläufigen Theorien des „Maschinensozialismus“ der kleine Parzellenbauer kein Auslaufmodell der Geschichte sei, im Gegenteil. Auf Grund des demokratischen Drucks von unten und der teuer gewordenen Arbeitskraft auf dem Land sei er die Verkörperung einer aussichtsreichen Wirtschaftsform - der Pächter wolle nicht einmal mehr Besitzer, sondern allenfalls Großpächter werden, wundert sich der Autor.

          Buchhalter unter Bauern

          Beim Spaziergang auf dem Feld draußen vor dem Dorf, in dem er sich niedergelassen habe, schreibt Strindberg im ersten Teil dieser Reportage, habe er gerade einen Tagelöhner gesehen, der mit seiner Hacke eine Kleeweide bearbeitete. Sein Anzug bestand aus schwarzer Samthose, einer dunklen Wollweste und einem weißen Hemd, dessen Manschetten strahlend weiß leuchteten. Eine Uhrkette baumelte an der Westentasche - „so glich er einem Buchhalter eher als einem Bauern“. Dieser Mann wohne im Hotel, mit Vollpension, fand unser Reporter heraus, also Suppe, Gemüse, Fleisch oder Speck sowie einem halben Liter Wein, und an den Sonntagen spiele er Billard. Nicht alle Bauern, denen Strindberg begegnete, standen in so vorteilhaften Verhältnissen. Über alle sozialen und regionalen Unterschiede des Bauernlebens hinweg zeichnet sich in diesem Buch aber eine Grundfigur Strindbergscher Wunschprojektion ab. Die Bauern sind republikanisch eingestellt, atheistisch, entschieden antiklerikal. Sie sind eine Art Rebellen der Scholle gegen den die Welt bedrohenden Zangenbiss von Kapitalismus und Sozialismus. Oder, wie Thomas Steinfeld in seinem Nachwortessay zu diesem Band es nennt: „August Strindbergs Parzellenbauer lebt in einer im Grund gutmütig verfassten Anarchie.“

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