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: Auf Führers Nase gefallen

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Er liest, sagt er, keine Kritiken. Das sagen sie fast alle. Doch man glaubt es dem ernsten Menschen, der niemals zu lächeln scheint und auf jedem Foto streng an der Kamera vorbeistarrt. Aber deutete er nicht in einem Interview an, dass ihn die Aufnahme seines Buches im "Land der Täter" (das er nicht ...

          Er liest, sagt er, keine Kritiken. Das sagen sie fast alle. Doch man glaubt es dem ernsten Menschen, der niemals zu lächeln scheint und auf jedem Foto streng an der Kamera vorbeistarrt. Aber deutete er nicht in einem Interview an, dass ihn die Aufnahme seines Buches im "Land der Täter" (das er nicht so nennt) weitaus mehr interessiert als jene in Frankreich, das ihm mit fast einer Million Auflage einen Triumph bescherte, den er kühl, ja mit einer Spur von Hochmut registrierte? Lässt es ihn ungerührt, dass die Salven deutscher Empörung wie Trommelfeuer links und rechts von ihm detonieren, seit der Verlag die Leseexemplare verschickt hat?

          In der Tat wurde selten ein Buch dem Autor in solch einmütigem Zorn um die Ohren geschlagen - als habe er das einzige, das letzte Tabu geschändet, das den Deutschen geblieben, nein, das sie in fünf Jahrzehnten ächzender Mühsal mit der "Aufarbeitung der Vergangenheit" wieder geschaffen haben: den Holocaust als das einigende Erbe der Schuld? Auch der Schreiber dieser Zeilen stand nicht an, Littell zu bescheinigen, dass sein Roman ein Geniestreich und der letzte Dreck sei, ein Kunstwerk, vor dem jeder Sinn für Ästhetik in die Knie gehe, und eine Schlammlawine des Kitsches. So unrecht hatte er damit nicht. Das lässt sich, leider, dutzendfach belegen. Dennoch ist ihm bei dem raschen Verdikt nicht mehr ganz wohl. Gottlob hat er, in gleichem Atem, dem Verfasser bestätigt, dass er durch die Genauigkeit seiner Recherchen und die schockierende Härte der Bilder mehr von der Realität des totalitären Staates, vom Funktionieren seiner Apparaturen (und seiner Funktionäre), vom Horror des Krieges und vom Grauen der Vernichtung vermittelt, als es die unübersehbaren Bibliotheken der Fachliteratur und das verknoopisierte Fernsehen, der ganze riesenhafte Aufwand der wissenschaftlichen und halbwissenschaftlichen Holocaust-Industrie zuwege brachten. Das bleibt sein Verdienst.

          Keinem Mitglied der nächsten, der übernächsten Generation hätten wir, die letzten Zeitzeugen, solch unmittelbar erlebte, erlittene Berichte von den Schlächtereien der "Einsatzgruppen" im Hinterland der russischen und ukrainischen Fronten zugetraut (vor allem an Babij Yar zu denken), die sich vor den Augen und oft genug mit dem Einverständnis, schlimmer noch: unter der Mitwirkung der Wehrmachtskommandeure und ihrer Truppen vollzogen. Wir hätten es auch nicht für möglich gehalten, dass ein vierzigjähriger Neufranzose amerikanischer Herkunft die Hölle im Kessel von Stalingrad mit solch schrecklicher Exaktheit nachzeichnen könne, bis zur Ortung des entlegensten Ruinenkellers, jeden Notverbandplatzes, jeder zerschossenen Flugzeugpiste, fast jeden Schützenloches den Überlieferungen getreu, nicht zu reden vom Hunger, von den Frostschmerzen, von den verzweifelten Hoffnungen, von der dumpfen Ergebenheit, schließlich vom elenden Verrecken der Landser und der Muschiks: wenigstens einhundertfünfzigtausend, die jeweils zu beiden Seiten geopfert wurden. Einhundertundzwanzigtausend zerlumpte, ausgehungerte und kaum mehr marschfähige Deutsche schleppten sich nach der Kapitulation in die sowjetischen Gefangenenlager, neuntausend kamen schließlich nach Haus: Das war alles, was von der Sechsten Armee geblieben ist, von der Littell festgestellt hat, dass sie zuvor Kiew eroberte und mit dem Einsatzkommando 4a kooperierte, das für das Massaker von Babij Yar die Verantwortung trug. Die Überlebenden konnten nicht reden, kaum einer der Stummen konnte schreiben.

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