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: Auf der Fährte eines Mythos

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          2 Min.

          Francisco Casavella, Spanier aus Barcelona und einundvierzig Jahre alt, hat bisher sechs Romane geschrieben - Bücher von unterschiedlicher literarischer Qualität. Der Autor lebte als Kind in einem der Elendsviertel am Stadtrand Barcelonas, arbeitete dann als Botenjunge in einer Bank und konnte schließlich Artikel in einigen Zeitungen veröffentlichen. Für seinen ersten Roman "Der Triumph" erhielt er den angesehenen Literaturpreis "Tigre Juan" (der nach einem bekannten Werk des asturianischen Schriftstellers Pérez de Ayala benannt ist und auch in Asturien verliehen wird). Der phantasievolle und amüsante Roman "Ein spanischer Zwerg bringt sich in Las Vegas um" erhielt positive Kritiken und wurde gut verkauft. Dann hat Casavella eine Trilogie unter dem Gesamttitel "Der Tag des Watussi" geschrieben, deren erster Band "Verwegene Spiele" jetzt in der Übersetzung von Stefanie Gerhold in Deutsch erschienen ist.

          Jener Watussi des Titels, Angehöriger eines afrikanischen Stammes, ist in dem Elendsviertel, in dem Fernando, der Erzähler, als Kind lebt, schon zu einem Mythos geworden, bekannt und vor allem gefürchtet in der Unterwelt am westlichen Mittelmeer. Eines Tages finden Fernando und sein Freund Pepito, ein hinkender Zigeunerjunge, Julia, die attraktive Tochter eines der Kaziken, der Bandenchefs des Viertels, ermordet auf. Als Mörder verdächtigt wird sogleich der Watussi, und Fernando erhält den Auftrag, ihn zu suchen und über seine Bemühungen einen Bericht zu schreiben. Dieser Bericht ist eben der Text des Romans. Die Suche führt Fernando und Pepito durch die schlimmsten Stadtteile Barcelonas in die Barackensiedlungen, die Hafenhallen, die billigen Nachtclubs und Hurenhäuser. Für die bei Casavella durchaus authentisch wirkende Umgangssprache der Randviertel Barcelonas, der Halb- und Unterwelt läßt sich nur schwer eine überzeugende Slang-Entsprechung im Deutschen finden. In der Übersetzung wird notgedrungen manches, was im spanischen Original einfallsreich und humorvoll ist, nur noch ordinär. Ein großer Sprachkünstler ist Francisco Casavella allerdings nicht. Das Buch verlangt eine sehr aufmerksame Lektüre, denn man kann sich leicht in dem Labyrinth der Ereignisse und der Streifzüge durch Barcelona verlieren.

          "Wind und Juwelen", der zweite Band der über tausend Seiten langen Trilogie, entlarvt anhand der Erfahrungen des Botenjungen und späteren Chauffeurs Fernando eine ebenso unfähige wie korrupte Bankiersclique aus jenem spanischen Bürgertum, das nach Francos Sieg im Bürgerkrieg die Macht im Land übernommen hatte und diese bis nach dem Tod des Diktators nicht abgab.

          WALTER HAUBRICH

          Francisco Casavella: "Der Tag des Watussi. Verwegene Spiele". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Stefanie Gerhold. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004. 338 S., geb., 19,90 [Euro].

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