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: Auf den Trümmern der Avantgarde

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Liebhaber katalanischer Lyrik gelten in Deutschland als Exoten. Lange bevor der Buchmessenschwerpunkt in Frankfurt Abhilfe leistet, unternahm der Münchener Lyriker und Übersetzer Axel Sanjosé im vergangenen Jahr das Wagnis, vier katalanische Gegenwartsdichter zu einer Lesung in seine Heimatstadt zu holen. Nun liegen die Texte zweisprachig als deutsch-katalanische Anthologie vor.

          Liebhaber katalanischer Lyrik gelten in Deutschland als Exoten. Lange bevor der Buchmessenschwerpunkt in Frankfurt Abhilfe leistet, unternahm der Münchener Lyriker und Übersetzer Axel Sanjosé im vergangenen Jahr das Wagnis, vier katalanische Gegenwartsdichter zu einer Lesung in seine Heimatstadt zu holen. Nun liegen die Texte zweisprachig als deutsch-katalanische Anthologie vor. Sie gewährt einen eindrucksvollen Einblick in das dichterische Schaffen einer Region, die sich spätestens seit Gaudí, Miró und Picasso als eine der Wiegen der europäischen Avantgarden offenbart hat.

          In diesem Kontext ist auch der Titel des Bandes zu begreifen: "vier nach". Er enthält im Grunde ein ästhetisches Programm. Wir begegnen hier "vier" Dichtern, die "nach" jener Epoche groß wurden, da Barcelona, um den Romancier Eduardo Mendoza zu zitieren, sich erst zur "Erfinderin des Modernismus" aufschwang und dann, unter Franco gar der eigenen Sprache beraubt, zusehends in die Peripherie gedrängt wurde. Allerdings ist das titelgebende "Nach" nicht so zu verstehen, dass wir in den Gedichten von Enric Casasses, Eduard Escoffet, Arnau Pons und Víctor Sunyol postmoderne Reflexionen auf die Avantgarde oder einen Bruch mit ihr fänden. Was im Werk der Dichter thematisiert wird, ist die Tatsache, dass diese bereits vor ihnen gebrochen wurde. Alle vier schöpfen, um es mit den Worten des Herausgebers zu benennen, aus den "Trümmern der Avantgarde".

          Zu höchst divergierenden Ergebnissen kann die Arbeit von dergleichen Trümmermännern führen. Eduard Escoffet, mit 28 Jahren der Jüngste des Quartetts, nähert sich nach den Motti "ein text ist der körper" und "jeder mensch ist schrift" der Sprache in ihrer grundlegenden Stofflichkeit. Als vom Menschen erzeugtes lautliches und graphisches Material können die Worte in verschiedenen Ton- und Schriftschichten übereinandergelagert werden und den Text so in eine neue Dimension heben. Komplementär zu einer solchen Trümmerschichtung wählt Victor Sunyol, 1955 geboren, den Weg radikaler Reduktion. Jedes seiner Gedichte ist gewissermaßen das Relikt der Entkernung komplexer syntaktischer Gebäude, von denen nur noch die Grundpfeiler in Form einsilbiger Vokabeln mahnen: "seit (sterben) / nur / mit / und alles" oder "sein / das wo kein ding". Ein solcher Wortabbruch ist schmerzhaft. Denn das Gedicht bleibt doch ein lebendiger Organismus, dem Wunden zugefügt werden: "wo hier das wort blutet in wörtergerinnsel, scholle des seins", klagt es aus den entkernten Sätzen.

          Diese in Sunyols Werk nur noch zaghaft pochende Lebendigkeit des Wortes hat sich bei Arnau Pons, Jahrgang 1965, in Wildwuchs verwandelt. Inkongruente Wortkompositionen wuchern gleich Parodien des Surrealismus in seinen Gedichten. Durchstreift werden sie von apokalyptischen Monstren, die durch "ein radikales sich-den-weg-bahnen" die Konsistenz des Gedichts selbst zu zerstören drohen, etwa durch die "elektrisch geladenen klauen der kerkermeisterin, die sich vollfrisst an missglückten versen".

          Licht und geradezu idyllisch wirken im Vergleich dazu die Verse des 1951 geborenen Enric Casasses. Komponiert sind sie teils in traditionellen Gedichtformen wie Sextinen und Dezimen oder in Variationen musikalischer Formen wie einer Paganini-Sonate. Doch obgleich dem Leser diese vertrauteren Formen gemäß dem Wunsch des Autors leichter "ein zuhause sein" können, "so als säh ich die frische wäsche der großmutter flattern", sind auch die Gedichte von Casasses nicht frei von Widerhaken. Etwa, wenn sich eine seiner harmonischen Sextinen als Beschreibung eines Selbstmordversuchs entpuppt.

          Was alle vier Dichter über dies Gefühl hinaus miteinander verbindet, ist ihre Jagd nach einem Sinn, der sich stets entzieht: "Ich bin Sklave von dem was flieht", bekennt Casasses, während Escoffet als paradoxes literarisches Credo verkündet: "es gibt nichts zu sagen, und trotzdem haben wir es nötig zu schreiben". Nichts anderes muss Pons erleben. Da sein eigener Strom versiegte, lebt er fortan von fremden Wassern: "entfremdete Kloake, die vom Platzregen lebt, traurige Kohlezeichnung eines entzündbaren, an Gott grenzen Himmels." Das Resümee aus solchem Hadern mit der künstlerischen Originalität zieht Enric Casasses im Schlussgedicht des Bandes: "DIE KREATIVITÄT IN DER KUNST MACHT NUR UMSTÄNDE." Welche Ironie in diesem Satz steckt, wird offenkundig, wenn der Dichter seinen Leser im selben Atemzug um einen Bohrer bittet, "um eine gewisse Unendlichkeit an der Hinterwand anzubringen".

          Den Bohrer, so verspricht er, wird er nach Gebrauch wieder zurückgeben. Der Leser sollte dies allerdings nicht durch pflichtgemäße Rückgabe dieses Buches erwidern: Denn es hat einen festen Platz im nun solide festgedübelten Bücherregal verdient.

          Enric Casasses / Eduard Escoffet / Arnau Pons / Victor Sunyol: "vier nach". Katalanische Lyrik nach der Avantgarde. Herausgegeben und ins Deutsche übertragen von Axel Sanjosé. Lyrik Kabinett, München 2007. 112 S., br., 18,- [Euro].

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