https://www.faz.net/-gr3-14drv

Atiq Rahimi: Stein der Geduld : Vom Zuhören der Steine

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

In äußerst verknappter und zugleich poetischer Prosa erzählt Atiq Rahimi die fesselnde Geschichte eines Befreiungsakts, der nicht auf Abwendung von alten Banden, sondern auf Zuwendung setzt.

          Bunt, vielstimmig, weitläufig sind meistens die Romane, die im Flutlicht des französischen Goncourt-Preises berühmt wurden. Unter den Gegenbeispielen ist das vorliegende Buch das extremste. Der seit gut zwanzig Jahren im Westen lebende afghanische Autor und Dokumentarfilmer Atiq Rahimi hat ein hochliterarisches Filmskript geschrieben, das mit einem einzigen, praktisch leeren Zimmer als Szene auskommt. Umso schärfer tritt das Geschehen in diesem Zimmer hervor. Man hört auf die Stimmen des Wasserträgers oder der spielenden Kinder draußen, nimmt die feinste Bewegung des zerlöcherten Vorhangs am Fenster wahr, bangt mit dem Kommen und Gehen der Panzer, taucht mit der Frau, die da neben ihrem reglos auf der Matratze liegenden Mann kniet, in die Tiefen einer lang angestauten Wut und Zärtlichkeit, einer verwaisten Sehnsucht, eines entfesselten Humors, kurz: einer zerzausten Lebensgeschichte.

          Es passiert so gut wie nichts im kahlen Zimmer um den bewusstlos ins Leere starrenden Mann und die ihn umsorgende, ihn auch verwünschende Frau. Dieses mit Erinnerung, Bangen und nachträglicher Auflehnung sich füllende Ereignisloch wird aber wie mit einer hochsensiblen Festkamera des Erzählens so ausgelotet, dass jedes Ereignis vor Spannung klirrt: sich nahende Schritte, das Klopfen, das Eindringen von Soldaten, eine von der Decke sich herablassende Spinne. Ob die Frau anwesend ist und dem Kranken die Befeuchtungstropfen in die weit offenen Augen träufelt oder ob sie, in jähem Unwillen ihm den Infusionsschlauch aus dem Mund reißend, sich entfernt hat: Wir bleiben im Zimmer beim Halbtoten, um den her im stereotypen Rhythmus des Ein- und Ausatmens, im Wandern der Sonnenstrahlen durch die Vorhanglöcher über den Boden, im Herabsickern der Salzzuckerwasserlösung durch den Schlauch, in den Gebetsrufen von draußen mechanische Zeit in erlebte Zeit verwandelt wird. Nur manchmal zerreißt eine nahe oder ferne Bombenexplosion die Stille.

          Einst ein Tyrann

          Dieser einst tyrannische, turbanumwickelte Partisanenkämpfer, dessen Foto an der Wand prangt, ist in seiner vegetativen Hilflosigkeit zum stillen Pol geworden, um den sich alle bisher unausgesprochene Auflehnung, alle Sehnsüchte und Geheimnisse eines Lebens, einer Familie, einer ganzen Gesellschaft sammeln. Die Frau, bisher bloß Statistin ihrer Existenz, wird im Schallraum dieses Schweigens Akteurin des gemeinsamen Lebens. „Du warst an der Front. Kämpftest im Namen der Freiheit, im Namen Allahs!“ – sagt sie zum bewusstlos Daliegenden. Als Held war er selten anwesend und auch dies nur mit jener männlichen Rücksichtslosigkeit, die Ungeschicklichkeit und Unsicherheit sofort mit Brutalität verdeckt. Nach zehn Jahren Heirat kommen diese Einsichten der Frau nicht leicht über die Lippen. Ihr Atem stockt, die Worte bleiben stecken, die Sprechende ringt um Luft – und doch breitet sich all das über die Jahre Angestaute mit einem bald bitteren, bald befreienden Lachen aus in die Stille des Raums.

          Wo die Emanzipationsschicksale sonst eher zentrifugal den Fluchtweg des Aufbruchs ergreifen, gerät hier alles in den Bann des wie ein Stein daliegenden Mannes. Stirbt er weg, bleibt die Frau ohne Auskommen und fällt mitsamt den zwei Töchterchen der verhassten Familie anheim. Vor ihr liegt aber nicht nur die Totlast des für ihr Leben notwendigen Gatten, sondern vielleicht auch jener magische „Stein der Geduld“, von dem die Frau einst gehört hatte und den manche mit der Kaaba in Mekka gleichsetzen: der „seng-e sabur“, der geduldig zuhört und alle Worte, alle Geheimnisse in sich aufnimmt, bis er eines Tages explodiert. So spricht die Frau unablässig auf ihn ein, verrät die tiefsten Geheimnisse, auch über die Herkunft der beiden Töchter, und kommt dem Mann beinah schon postum auf seltsame Weise zum ersten Mal nahe. Was sonst in diesem Zimmer noch passiert, das Vorbeikommen des verlogenen Mullahs, die Vergewaltigung durch herumstreunende Soldaten, erscheint fast nebensächlich angesichts dieser Worte, die nun hinaus müssen. Worte über die Welt der Männer und ihre auf Blut fixierte Ehrvorstellung, die mehr zerstört als erzeugt. „Du konntest nichts geben“, sagt sie zu ihm in Erinnerung der lange kinderlos gebliebenen Ehe. Indem diese Anklage nicht in Schemen verkrustet, sondern über differenzierte Figurenprofile aus dem Gedächtnis der Frau Profil annimmt, hebt das Buch sich weit über alle Thesenliteratur hinaus.

          Ameisen tragen eine Fliegenleiche

          Atiq Rahimi, der vor sieben Jahren mit dem Roman „Erde und Asche“ bekannt wurde, beschreibt in äußerst verknappter und zugleich poetischer Prosa, wie Beiläufiges in Geschichtsträchtiges mündet und umgekehrt. Ameisen tragen auf dem Teppich die Leiche einer im Speichel des Kranken ertrunkenen Fliege davon. Die Kinderstimmen draußen verstummen, das nächtliche Husten der Nachbarin beginnt. Die Sonne geht unter, die Waffen erwachen: Der Freiheitskampf gegen die Fremdherrschaft ist vorbei, jetzt geht es nur noch um Machtkämpfe. Mag auch die Präzision der Darstellung, wenn der Stein der Geduld am Ende des Romans zerspringt, in einer plötzlichen Handlungswende dramatisch und bedeutungsschwer entgleisen: Das Buch erzählt die fesselnde, unterschwellig auch witzige Geschichte eines Befreiungsakts, der nicht auf Abwendung von den alten Banden, sondern auf Zuwendung setzt zu allem, was bindet. Mit Gespür für Rhythmen, Situationen, in Atemzügen oder Infusionstropfen gemessene Zeitläufe hat Lis Künzli dem Text seine ganze subtile Klarheit bewahrt.

          Weitere Themen

          Das Ende der Metapher

          Amanda Palmers Tour : Das Ende der Metapher

          Amanda Palmer, einst Sängerin der Dresden Dolls, tourt mit einem therapeutischen Sitzkonzert. Es geht um tote Babys und um Mitgefühl. Und alles hat mit Trump zu tun.

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.