https://www.faz.net/-gr3-10s9c

Artur Becker: Wodka und Messer : Die Ausgespuckten

  • -Aktualisiert am

Bild: Weissbooks

Mit seinem Roman „Wodka und Messer“ will Artur Becker den Durchbruch vom masurischen Schelm zum seriösen Gegenwartsautor schaffen, womöglich zum Enkel von Siegfried Lenz und Günter Grass. Es ist ein Buch, dem man seine Schwächen verzeiht.

          Artur Becker, 1967 in Bartoszyce (Bartenstein) geborener Spätaussiedler mit polnischen, deutschen und jüdischen Wurzeln, lebt jetzt schon mehr als die Hälfte seines Lebens in Deutschland; aber ist hier nie so recht angekommen. Becker schreibt deutsch, aber er erzählt noch immer und heute mehr denn je von Seinesgleichen: polnischen Spätaussiedlern mit deutschem Migrationshintergrund, Taugenichtsen, Träumern, Verlierern, die in Deutschland oder auch Kanada Fremde geblieben sind und sich nun zurücksehnen in die Wälder und an die Seen Masurens. Irgendwann werden ihnen Herz und Zunge zu schwer; sie kehren heim ins gelobte Land der schrecklichen Eltern.

          Becker ist ein postkommunistischer Melancholiker, ein sentimentaler Rabauke. Er beschwört die glorreichen Zeiten, als leicht reizbare, oft betrunkene junge Männer noch nach Herzenslust raufen und saufen, kleine Maränen und große Frauen angeln, gegen Väter, bigotte Pfaffen und die Esbecja, die polnische Stasi, aufbegehren konnten. Schon im ersten Roman „Der Dadajsee“ (1997) reiste ein deutsch-polnischer Autoschieber aus Bremen zurück in die Kindheit, um den versäumten Vatermord post mortem nachzuholen. „Ich kenne diesen See“, sagte damals Onkel Herbert. „Ich habe aus ihm getrunken, ich esse aus ihm, und ich habe ihn niemals verlassen.“ Jetzt, einige Romane und Erzählbände später, ist Becker wieder an seinen See, in seine Jugend zurückgekehrt. Sein Stellvertreter heißt diesmal Kuba Dernicki, für seine Freunde auch „Zweibauchnabel“ (sein toter Zwillingsbruder steckte lange in seinem Bauch und redet noch jetzt aus ihm): ein Spätaussiedler, der Frau, Kinder und einen Job als Computerspezialist in einem Berliner Schlachthaus vergisst, als der Dadajsee ruft.

          Noch eines der kleineren Wunder

          Und wieder hat der Heimkehrer noch einige Rechnungen offen. Kuba will endlich seinen Vater, der vor dreißig Jahren seine Mutter und deren Geliebten umbrachte, zur Rede stellen und dann die Tatwaffe – ein sprechendes Messer, das noch jeden Besitzer zu Mord und Totschlag aufhetzen will – im See versenken. Außerdem ist da noch die Sache mit Marta, seiner toten Geliebten. Seit sie, Dissidentin und bei den Unruhen 1981 Streikführerin, auf der Flucht vor ihren Häschern im See ertrank, quält Kuba sich mit Schuldgefühlen. Der Dadajsee ist ein Moloch, grausam wie die Götter der alten Pruzzen und Barten. Er fordert Menschenopfer, aber er kann die Ertrunkenen auch von den Toten auferstehen lassen. In der geheimnisvollen Hoteldirektorin Justyna glaubt Kuba die Reinkarnation Martas wiederzuerkennen.

          Das wäre noch eines der kleineren Wunder: In Beckers magischem Realismus können Karpfen, Holzbeine und Seen sprechen. Wo ein schwarzer Bus ohne Fahrer durchs „weiße Niemandsland“ fährt, wo Gewässer betrunken und böse werden, können auch Untote, Aliens und alte Mythen wiederbelebt und Biographien wie Kleider gewechselt werden. Aus Henkern werden Opfer, aus Huren Nonnen, aus Partisanen Politiker, aus Spitzeln Businessmänner. Der greise Jesuitenpater, ein erzkatholischer Nekromant und Intrigant, ist in Wahrheit der ewige Jude, der im Warschauer Ghetto gegen die Nationalsozialisten kämpfte; sein Erzfeind, der Wendehals Krol, hetzte Marta in den Tod und stellt ihrer Doppelgängerin noch heute nach.

          Alles wie gehabt, nur größer und länger

          Weitere Themen

          Rettet die Nische!

          Bücher-Krise in Brasilien : Rettet die Nische!

          Viele brasilianische Verlage und Buchhandlungen sehen sich durch rückläufige Leserzahlen in ihrer Existenz bedroht. Ist damit der freie Austausch von Ideen in Gefahr, den das Land so sehr benötigt?

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Carsten Knop

          FAZ.NET-Sprinter : Europa in Wettlaune

          Deal oder No-Deal? London versinkt im Chaos – und wer auf ein zweites Brexit-Referendum tippt, könnte durchaus richtig liegen. Deutlich klarer sind dagegen die Beschlüsse aus Kattowitz. Was sonst wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.