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Arno Schmidts „Leviathan“ : „Wie die Scheiben brennender Irrenhäuser“

Wie aus dem Schlußbild des „Leviathan”: die zerstörte Karniner Eisenbahnbrücke Bild: picture-alliance / dpa

Wer sich dieser Tage an das Kriegsende vor sechzig Jahren erinnert, tut gut daran, einen deutschen Roman aufzuschlagen, der 1946 geschrieben und 1949 publiziert wurde: Arno Schmidts „Leviathan“.

          Der Sieger besitzt Mitgefühl: "The town is fearfully smashed, rather like a bad dream", berichtet er am 20. Mai 1945 aus dem zerstörten Berlin in die Heimat. Doch sein Bewußtsein, daß den Besiegten recht geschehe, ist unerschütterlich: "Well: They asked for it and they got it", schreibt der Soldat Jonny nüchtern an seine Betty. Im übrigen habe er seiner Sendung ein paar eingetauschte Uhren und militärische Ehrenzeichen der Deutschen beigelegt.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer sich dieser Tage an das Kriegsende vor sechzig Jahren erinnert, tut gut daran, einen deutschen Roman aufzuschlagen, der 1946 geschrieben, 1949 publiziert wurde und der Jonnys hartem Diktum eine andere Perspektive entgegenstellt, ohne die eine Seite gegen die andere auszuspielen. Denn Arno Schmidts "Leviathan", dessen erste Zeilen Jonnys Brief enthalten, fragt im weiteren Verlauf dringlich danach, wer denn da bekommen habe, was er sich zuvor verdiente, bildet ab, welcher Natur diese Bestrafung war. Und er führt damit einen Diskurs, der zwar schon rasch - wenn auch nur vereinzelt - in der deutschen Literatur, in der breiten Öffentlichkeit aber erst Jahrzehnte später aufgenommen werden sollte.

          Am Anfang ein Funken Hoffnung

          Eine Gruppe von Deutschen findet sich am 14. Februar 1945 in einer zerbombten schlesischen Stadt zusammen und flieht vor den anrückenden russischen Truppen: Bauern, kleine Beamte, Soldaten und Hitlerjungen; ein Pfarrer mit Frau und sieben Kindern (von denen zwei grausam ihr Leben lassen werden), einige Frauen und schließlich der Erzähler, ein Soldat mit dem Marschbefehl nach Ratzeburg in der Tasche. Unter den Frauen ist auch seine alte Augenliebe Anne Wolf, und was er in der Folge unternimmt, um die Flucht der kleinen Gruppe zu befördern und gleichzeitig diversen Durchhalteparolen entgegenzutreten, ist immer auch ein bißchen auf die Wirkung berechnet, die es bei Anne hinterläßt.

          Am Anfang ist da sogar ein Funken Hoffnung: Ein Zug läßt sich auftreiben, Kohlen auch, bald sitzt man zusammen im Güterwagen, der sich westwärts von der Front entfernt. Doch schon rasch folgen die ersten Bombenangriffe; schließlich bricht eine Eisenkette im letzten Wagen, der "Schwellenreißer", der mit einem großen Haken die zurückgelegte Bahnstrecke zerstört, nimmt seine Arbeit auf, ohne daß man ihn daran hindern könnte, und in der letzten Szene finden sich der Erzähler und Anne auf einer Eisenbahnbrücke wieder, die an beiden Enden in Trümmer gebombt wurde.

          Es bleibt nur der Sprung in den Nebel

          Dieses majestätische Bild von Auswegslosigkeit, mit dem der Roman schließt, ist nur eines von vielen, die der Erzähler immer wieder malt - ein Zurück gibt es nicht, es wäre auch nicht wünschenswert, der Weg nach vorn ist aber ebenfalls ungangbar, es bleibt nur der Sprung in den Nebel, der die Brücke umgibt. Ein Trost ist das kaum, ein Signal für eine mögliche Fortschreibung dieser Geschichte schon gar nicht, denn daß die beiden letzten Teilnehmer dieser gemeinsamen Flucht durch ein zerstörtes Land den Sprung im Februar 1945 nicht überleben werden, ist sicher. Und es ist einzig Jonnys auf Mai datierter Brief, der dafür bürgt, daß es in der erzählten Zeit des Romans auch nach dem Tod des Erzählers weitergehen wird.

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