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Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil : Wenn einer nichts weiß und doch alles versteht

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Arno Geiger hat ein Buch über seinen dementen Vater geschrieben. Vor allem aber handelt es davon, was das Leben zu jedem Zeitpunkt lebenswert macht. Es ist die wertvollste Lektüre dieses Frühjahrs.

          Hier sind einige Dinge, die ich über August Geiger weiß. Geboren 1926 als drittes von zehn Kindern, lebt der Vierundachtzigjährige seit einem knappen Jahr in einem Pflegeheim im österreichischen Wolfurt, seiner Heimat. Er ist der Vater von Peter, Helga, Werner und Arno. Sein jüngstes Enkelkind heißt Eva. Seine Frau hat sich vor vielen Jahren von ihm getrennt, aber sie haben sich nie scheiden lassen. Wenn sie ihn besucht, schneidet sie ihm die Haare. Mit siebzehn war August im Krieg, mit achtzehn kam er an die Ostfront. In russischer Kriegsgefangenschaft erkrankte er an der Ruhr und magerte bis auf die Knochen ab. Als Junge, vor der Einberufung, hätte er gern Elektromechanik studiert; er war immer sehr geschickt mit den Händen. Später wurde er dann Beamter in der Gemeindeverwaltung. Er hat eine Frau gefunden, ein Haus gebaut, eine Familie gegründet. Sein Lieblingsroman ist „Robinson Crusoe“. Rituale sind ihm schon immer wichtig gewesen; auf Menschen zuzugehen, fiel ihm schwer. Die Zeit, als die Kinder klein waren, war die vielleicht glücklichste seines Lebens. Er hat nie viele Worte gemacht, aber das, was er sagt, trifft oft den Kern der Dinge. Er besitzt Humor, Güte und Weisheit. Er singt gern. Er ist freundlich und dankbar für jede Freundlichkeit, die ihm erwiesen wird - solange man ihn nicht herumhetzt. Wenn er lächelt, geht einem das Herz auf. August Geiger ist dement. Ich habe ihn gern.

          Reflexion über das, womit man nicht fertig wird

          Es gibt ein Foto, das zeigt August Geiger als jungen Mann, halb verhungert aus dem Krieg zurückgekehrt. Arno Geiger erinnert sich, dass der Vater dieses Passbild, das für ihn ein Monument des Überlebthabens gewesen sein muss, immer in der Brieftasche bei sich trug. Wie so viele Erinnerungen, Gewohnheiten und Sicherheiten ist die Brieftasche dem Vater irgendwann abhanden gekommen, und mit ihr das Foto. Zum Glück existiert eine Kopie: „Ganz kurze Haare, sehr markante Gesichtszüge, etwas Besonderes im Ausdruck, schwer zu fassen, von einer Klarheit und gleichzeitigen Erschrockenheit in den dunkel blitzenden Augen, die anziehend wirkten.“

          Arno Geiger hat mit seinem Buch „Der alte König in seinem Exil“ viel mehr geschrieben als das Porträt seines Vaters, eines Mannes, der seine Außergewöhnlichkeit erst spät, am Rande der Dämmerung, zu erkennen gab. Und doch ist es leichter, auf Anhieb zu sagen, was dieses Buch alles nicht ist: Es ist kein Buch über Demenz, es ist keine Familienaufstellung und erst recht, anders als die meisten anderen Sohnesbücher über Väter, ist es keine Abrechnung. Stattdessen ist „Der alte König in seinem Exil“ eine tiefgründige, charaktervolle und zeitlos gültige Auseinandersetzung mit dem, was jeden angeht: Alter und Krankheit, Heimat und Familie. Eine Reflexion über das, womit man nicht fertig wird. Und obwohl man es darf, scheut man sich fast, dieses gewaltige schmale Buch groß zu nennen, denn Arno Geigers Gestus ist ein demütiger, bescheidener, liebevoller, dankbarer. Sein Buch ist eine Übung in Askese: alles Wichtige aufrichtig sagen, ohne ein Wort zu viel zu machen. Wie Arno Geiger das gelungen ist, das macht das Glück dieser Lektüre aus.

          Eine Geschichte vieler Siege

          Es sind in den vergangenen Jahren einige prominente Bücher zum Thema Demenz erschienen; in der literarischen Welt fand insbesondere die Anklage von Tilman Jens gegen seinen Vater, den Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens, Beachtung. Dieses zeigt einen Sohn, der im Zerrspiegelbild der Alzheimer-Krankheit in erster Linie sich selbst sieht, die eigenen Schwierigkeiten, das eigene Leid - ganz so, als wäre der eigentlich Schicksalsgebeutelte nicht der Vater, sondern der Sohn.

          Arno Geigers Buch ist in jeder Hinsicht das Gegenteil desjenigen von Tilman Jens - und damit eine Bestätigung des Satzes, dass „Charakter die härtere Währung als guter Wille“ ist. Es lässt sich über dieses schwierige, schmerzliche, intime Thema kein weniger larmoyantes und egozentrisches Buch denken als „Der alte König in seinem Exil“. Geiger geht es nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse, er wirbt nicht um Verständnis für sich und seine Geschwister, er klagt nicht über Betreuungskosten oder die Schwierigkeit, Betreuung zu finden. Und sofern ihm die Demenz seines Vaters und zuvor auch seines Großvaters Sorgen um sich selbst bereitet, behält er diese für sich. Getreu dem vorangestellten Hokusai-Motto macht Arno Geiger das Allgemeine persönlich - und zeigt mittels dieser literarischen Tugend, was die Krankheit mit denen macht, denen sie begegnet. Es ist die Geschichte vieler Siege - trotz unausweichlicher Niederlage. Denn während die Alzheimerkrankheit andernorts oft als ein immer weiter zuwuchernder Garten geschildert wird, stellt Geiger Lichtungen her.

          Der väterliche Rückzug von der Welt

          Mit der liebevoll und zum Teil mühsam rekonstruierten Lebens- und der erlebten Krankengeschichte des August Geiger erzählt das Buch auch davon, wie ein Sohn, der sich seinem Vater lange Zeit nicht sonderlich nah fühlte, diesen ganz neu für sich entdeckt und sich auf ihn und seine Wahrnehmung der Welt einlässt, von Momenten des Glücks und der Fröhlichkeit, die sich der Krankheit abtrotzen lassen. Die Brachialität und Ausweglosigkeit der Demenz werden nie geleugnet, nur ist die Klage darüber nicht Geigers Thema und Ansporn. Immer wieder beschreibt er beispielsweise die quälende Überzeugung des Vaters, nicht daheim zu sein, die zum Krankheitsbild gehört und gegen die es keine Abhilfe gibt.

          „Ich erkläre es mir so, dass ein an Demenz erkrankter Mensch aufgrund seiner inneren Zerrüttung das Gefühl der Geborgenheit verloren hat und sich an einen Platz sehnt, an dem er diese Geborgenheit wieder erfährt. Da jedoch das Gefühl der Irritation auch an den vertrautesten Orten nicht vergeht, scheidet selbst das Bett als mögliches Zuhause aus.“ Auch sonst beschönigt Geiger nichts, weder den eigenen anfänglichen Zorn über die zunehmende Unfähigkeit des Vaters noch dessen irrationale Ausbrüche oder die anderen Schwierigkeiten, vor welche die Diagnose Demenz die Familie nach Jahren des väterlichen Rückzugs von der Welt schließlich stellt. Doch auch da gibt es Positives zu vermerken: „Wir können jetzt anders miteinander reden, offener, umgänglicher, klüger.“

          Mit ruhiger Selbstverständlichkeit macht der Sohn den Vater zu einer jedem literarischen Helden ebenbürtigen Figur und schafft dem König so ein Reich, in dem er in Würde nicht nur alt werden kann, sondern auch irre sein darf - und sich dabei durchaus in bester Gesellschaft befindet. „Dass er ein armer Schlucker sei, sagte er manchmal alle paar Stunden, aber keineswegs immer betont traurig, keinesfalls protestierend, sondern meistens auf eine freundliche Art, als müsse er eine wichtige Feststellung machen. ,Ich bin einer, der nichts zu melden hat. Da ist nichts mehr zu machen.' Es waren Sätze, die auch ein Held von Franz Kafka oder Thomas Bernhard gesagt haben könnte.“

          Eine Erinnerung daran, wie ungeheuer weit Freundlichkeit trägt

          Überhaupt ist die Sprache des August Geiger die heimliche Heldin dieses Buches, eine poetische Akrobatin, die über Abgründe spaziert und dabei mutig hinunterschaut. Denn trotz der schleichenden Vernebelung des Geistes nehmen der Einfallsreichtum und die Präzision der väterlichen Ausdrucksweise über eine glückliche lange Weile hinweg zu, so dass sein Sohn verwundert und beglückt feststellt, er fühle sich im Zusammensein mit ihm bisweilen in „Berührung mit dem magischen Potential der Wörter“. Geiger hält viele Wortwechsel fest, Gespräche, Bemerkungen. Manche sind von zärtlicher, niemals entlarvender Komik (“,Papa, weißt du überhaupt, wer ich bin?' - ,Als ob das so interessant wäre.'“), andere zeigen die Notwendigkeit für den Kranken, seine Krankheit zu überspielen; dann wieder ist man frappiert über die Abgeklärtheit seiner Selbstauskünfte, etwa wenn er auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet: „Also, ich muss sagen, es geht mir gut. Allerdings unter Anführungszeichen, denn ich bin nicht imstande, es zu beurteilen.“ Oft sei es, als wisse der Vater nichts und verstehe alles, fasst Geiger es einmal zusammen.

          Sechs Jahre habe er auf dieses Buch gespart, bekennt Geiger am Schluss; daher das Konzentrat. „Der alte König in seinem Exil“ ist eine Liebeserklärung an den Vater, vor allem aber ein großes Stück Literatur über das, was das Leben zu jedem Zeitpunkt lebenswert macht - und eine Erinnerung daran, wie ungeheuer weit Freundlichkeit trägt. Das Lehrstück, dass die Alzheimererkrankung des August Geiger seinen Kindern und Enkeln aufgibt, ist zum Glück nicht vorbei. Als Leser ist man dankbar, daran teilnehmen zu dürfen - und kann nur hoffen, selbst vor den Prüfungen ähnlich gut zu bestehen, wenn es soweit ist.

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